Wie kann der Mensch die Übereinstimmung mit sich selber erreichen?

Grundsätzlich hat er zwei Möglichkeiten, die Übereinstimmung mit sich selber – das heisst, Zufriedenheit, Befriedigung, Lust, Glück – zu erreichen: Entweder den Weg, der die Übereinstimmung von sich selber mit dem Sein einschliesst oder den Weg, auf dem die Übereinstimmung mit sich selber nicht mit dem Sein übereinstimmt. Dass der Mensch nach Übereinstimmung mit sich selber strebt, liegt in seiner Natur – aber warum wählt er den Weg, auf dem er die Übereinstimmung mit sich selber durch Nicht-Übereinstimmung mit dem Sein gewinnt?

Wenn die Übereinstimmung mit sich selber nicht aus der Übereinstimmung mit dem Sein kommt, woraus kommt sie dann? Sie kommt aus einem eingeschränkten Sein, zum Beispiel aus Ausübung von Macht, dem Gefühl von Überlegenheit oder der Unterwerfung unter eine Wirklichkeit über der Wirklichkeit. Eine so festgelegte Beziehung zu Menschen und Natur legt Wert darauf, in ihren Widersprüchen, Illusionen, Wahnideen und Lügen nicht erkannt zu werden – was meistens erfolgreich ist, da sie als Ideologie oder Religion auftritt: im Namen von etwas Höherem oder des Guten. Die Übereinstimmung mit sich selber durch Einschränken des Seins gewinnen, bedeutet ein verewigtes Verhältnis des Wollens zu ihm.

Welches sind die Merkmale eines ethisch guten Menschen? Er stellt sich nicht über die anderen Menschen, sondern bejaht sie genauso wie sich selber. Das heisst, seine Beziehung zu den anderen Menschen besteht nicht aus Ausübung von Macht oder dem Gefühl von Überlegenheit und andere Menschen haben nicht einen relativen oder zweitklassigen Status durch die eigene Unterwerfung unter eine Wirklichkeit über der Wirklichkeit. Sich nicht über die anderen Menschen stellen, sondern sie genauso zu bejahen wie sich selber, bedeutet Übereinstimmung mit dem Sein: Damit bedeutet Ethik nicht einfach ein abstraktes gutes Handeln, sondern einen inneren, geistigen Zustand: Einen Zustand der Verbundenheit mit dem Sein, indem etwas anerkannt wird, in dem alle Menschen sind. Falschheit ist ein «geistiger» Zustand, der Widerspruch zum Sein bedeutet. Fatal ist Falschheit, die ideologisch oder religiös abgestützt ist.

Welche Antriebe könnte es geben, mit dem Sein übereinzustimmen, das heisst, sich nicht über andere Menschen und den Kosmos zu stellen?

1) Verantwortungsgefühl: Denn Aufspaltung oder ihre Unterstützung bedeuten «gegeneinander», nicht «miteinander»: die gemeinschaftliche Grundlage wird aufgegeben zugunsten von Separatismus und partikularen Interessen. Die unweigerliche Folge sind Menschen, Völker oder Staaten, die an ihrer Entfaltung gehindert werden.

2) Die Angst vor dem Verlust der Selbstachtung: Eine Übereinstimmung mit sich selber, die nicht mit dem Sein übereinstimmt, bedeutet eine tiefgehende Falschheit.

3) Streben nach dem Genuss des Seins: Ich kann das Sein nicht geniessen, wenn ich mich über es stelle – ich kann es auch nicht geniessen, wenn ich es verneine. Um den Menschen oder den Kosmos zu geniessen, muss ich sie würdigen oder sie aufnehmen, empfangen, einsehen, wahrnehmen, auf mich wirken lassen.

4) Die Angst vor einer fundamentalen Einsamkeit: Sich mit dem Kosmos und den anderen Menschen – dem Sein – nicht als Einheit zu fühlen, verlangt nach Ersatz; normalerweise ist das eine Selbstbestätigungs- oder Kuschelgruppe. Eine Selbstbestätigungsgruppe, die vom Sein trennt, kann allerdings die Einsamkeit nicht wirklich aufheben – aber sie bietet soziales Beisammensein und Aktivität: es kann an der Aufspaltung gearbeitet werden; das überdeckt die Einsamkeit, die konzentriertes Ich-Wachbewusstsein ist, das heisst, das Gegenteil von verschmelzendem Bewusstsein.

Wollen und Verstand. Kann das Wollen gegen den Verstand gerichtet sein oder kann es gegen das Denken gerichtet sein? Wollen ist Denken, aber es ist auch der Wunsch nach einer Veränderung: Ein unangenehmes Gefühl soll aufhören (zum Beispiel Schmerz, Gefühl des Minderwerts, Einsamkeit, Sinnlosigkeit) oder der Wunsch nach Bedeutung, Besitz oder Sinnenlust soll erfüllt werden.

Kann das Wollen dem Verstand widersprechen? Der Mensch kann das, was die Menschen und der Kosmos für ihn sind, entweder durch seinen Willen bestimmen oder durch ihr Aufnehmen, Empfangen, Einsehen, Wahrnehmen, Auf-sich-wirken-lassen. Indem er das, was sie für ihn sind, durch seinen Willen bestimmt, kann er sich über sie stellen und sich zu ihren Lasten Bedeutung geben. Das heisst, er kann eine Übereinstimmung mit sich selber erreichen, aber zu Lasten der Übereinstimmung mit dem Sein. Die Ideen, die der Wahrheit widersprechen, haben meistens die Eigenschaft, dass sie das Objekt (Menschen, Kosmos) herabwürdigen. Falschheit bringt viele Probleme mit sich, eines davon ist, dass Geist und Scharfsinn ihre Feinde sind und deshalb eliminiert werden müssen – willkommen aber ist alles, was als das Gute oder Geist auftritt, aber nur Perversion oder geistiger Nonsens ist.

Das Ziel des Wollens ist zweifellos Befriedigung – aber ist damit innere Ruhe oder innerer Frieden gemeint? Vor Befriedigung hat kein Mensch Angst – aber möglicherweise vor (innerer) Ruhe oder (innerem) Frieden, denn er spürt, dass damit ein Absolutheitsanspruch – sei es als Individuum oder als Gruppe – nicht vereinbar ist; wie kann er etwas suchen, vor dem er Angst hat? Innerer Friede oder innere Ruhe würden Übereinstimmung mit dem Sein bedeuten, das heisst, sie sind nicht vereinbar mit Falschheit und Hochmut.

Wort zum Sonntag: Welche Realität anerkennt Satan?

Ich würde sagen, diejenige Realität, die er bzw. seine Gruppe durch ihre Macht geschaffen hat und unterhält. Man kann daraus verstehen, warum Satan aus dem Himmel herausgeworfen wurde.

Die Wonnen der Gewöhnlichkeit und die Genussfähigkeit des eigenen Geistes – sind sie Satan bekannt? Wenn man ihn als archetypische Figur des Bösen betrachtet – als das Prinzip der Täuschung, der Herrschsucht und der Entfremdung vom Sein –, dann wäre er genau das Gegenteil von jemandem, der die „Wonnen der Gewöhnlichkeit“ kennt. Und welchen eigenen Geist kann er geniessen?

Die Wonnen der Gewöhnlichkeit und die Genussfähigkeit des eigenen Geistes setzen ein tiefes Einverständnis mit sich selbst voraus. Wenn Satan das Symbol für das rastlose, getrennte Bewusstsein ist, dann bleibt ihm dieser Genuss verwehrt.

Der Weg zu Befriedigung

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, um zu Befriedigung zu kommen: Ideen und Gefühle, die den Kosmos und den Menschen herabwürdigen oder solche, die sie würdigen. Befriedigung aus der Herabwürdigung des Kosmos und des Menschen bedeutet, dass nicht der Kosmos und der Mensch das Wertvolle sind. Natürlich strebt der Mensch nach dem Wertvollen und nicht nach dem Wertlosen: Es würde niemand von sich sagen, er strebe nach etwas Wertlosem – auch nicht der Heroinsüchtige.

Wodurch bestimmt sich, was wertvoll ist? Welches sind die Kriterien dafür, ob etwas wertvoll ist oder wertlos? Was ist die Definition von wertvoll? Man könnte sagen, das Wertvolle sei das, wonach man strebt. Jeder wird dieser Definition zustimmen, solange das Streben sich darauf richtet, den Kosmos und den Menschen zu würdigen – ist der Fall denkbar, dass etwas als das Wertvolle gilt – das heisst, als das Erstrebenswerte – durch das der Kosmos und der Mensch herabgewürdigt werden? Etwas zu statuieren, das über dem Kosmos und dem Menschen und seinem Verstand stehe und es als das Wertvolle zu verehren, würdigt den Kosmos und den Menschen und seinen Verstand herab. Es stellt sich die Frage, was gewürdigt wird durch etwas, das über dem Kosmos, dem Menschen und seinem Verstand stehe? Wir müssen uns bewusst sein: Etwas über den Kosmos zu stellen, bedeutet die Auflösung der Einheit des Seins.

Was könnte wertvoller sein als die Einheit von Geist und Materie und ihre unendlichen Zusammenhänge? Beschränkte Gemüter haben gefunden, die Macht über sie, zu diesem Zweck sind sie auf eine Person ohne Körper gekommen, aber mit einem unendlichen Willen, der auch enthalte, die Abstammung eines bestimmten Volkes über die der anderen Völker zu stellen. Wenn das Wertvolle – oder höchste Gut – durch Glauben, Unterwerfung und Gehorsam besteht, ist eine Übereinstimmung mit dem menschlichen Geist an einem sehr kleinen Ort, die politische Absicht dahinter aber sehr gut versteckt, wenn man es Religion nennt.

Welche Mentalität steckt hinter der Aufspaltung des Seins? Skrupellose Geistlosigkeit auf intellektuell hohem Niveau oder anders gefragt, der Wunsch nach Macht, Überlegenheit und Abgrenzung? Handelt es sich beim Statuieren von etwas, das über dem Kosmos, den Menschen und ihrem Verstand stehe, um Politik oder Religion? Jedenfalls ist dadurch der Ausgangspunkt des menschlichen Geistes nicht mehr der Kosmos und der Verstand, sondern die gruppenspezifische Festsetzung eines Allerhöchsten. Geist und Kosmos sind allerdings – im Gegensatz zu etwas, das über sie gestellt wird – nicht etwas Gruppenspezifisches und sie haben grundsätzlich kein Interesse daran herabgewürdigt zu werden. Was soll Religion sein, wenn sie dazu dient, sich von den anderen Menschen abzugrenzen?

Womit macht eine Gruppe, die das Sein aufspaltet, eine Einheit oder Übereinstimmung? Mit dem einen Teil oder dem anderen Teil des aufgespaltenen Seins? Das heisst, mit dem Kosmos als Machtobjekt einer Gottperson oder mit der Gottperson selber? Kann mit dem Kosmos eine Übereinstimmung oder Einheit gemacht werden, wenn er Machtobjekt einer Gottperson ist? Oder kann mit der Gottperson selber eine Einheit oder Übereinstimmung gemacht werden? Mein Geist erwartet von einer Sinngebung, dass er mit sich selber übereinstimmen kann – mit sich selber übereinstimmen oder eine Einheit bilden, kann der Geist durch die Würdigung, die Wahrnehmung und den Genuss des Seins. Es stellt sich die Frage, ob durch ein Unterwerfungs-, Glaubens- und Gehorsamsverhältnis die Würdigung, Wahrnehmung und der Genuss des Seins realisiert werden kann?

Unter Ethik kann das Werte-System einer Gruppe verstanden werden oder aber ein Handeln und Denken, das nach Wahrheit und dem Guten strebt. Es wird zum Beispiel niemand sagen können, die Juden (Israel) würden nicht nach dem Guten, sondern nach Macht, Abgrenzung und Überlegenheit streben oder nicht nach der Wahrheit – aber ihr Gutes und ihre Wahrheit ist ein Gruppen-Gutes und eine Gruppen-Wahrheit und dadurch bestimmt sich für sie, was das Wertvolle ist.

Strebt der Mensch nach dem Wertvollen? Das Wertvolle ist das, was der Allgemeinheit zu ihrer geistigen und materiellen Entfaltung förderlich ist. Der Mensch strebt nach Befriedigung – wenn das, was dem Menschen Befriedigung gibt, der geistigen und materiellen Entfaltung der Allgemeinheit entgegengesetzt ist, spaltet er erstens die Gesellschaft und ist zweitens, in sich selber gespalten.

Allerdings wird ein Mensch oder realer gesagt, eine Gruppe von Menschen, deren Befriedigung der geistigen und materiellen Entfaltung der Allgemeinheit entgegengesetzt ist, das, wonach sie streben, nicht schädlich oder wertlos nennen – weil es einem Menschen zuwider ist, das, was ihm Befriedigung gibt, wonach er strebt und was sein Lebensinhalt ist, schädlich oder wertlos zu nennen, denn er würde sich selber wertlos vorkommen. In dieser Situation kann die Berufung auf einen höheren Willen helfen (im psychologischen Sinne handelt es sich um eine Rationalisierung) – es kann argumentiert werden: Unser Wille ist übereinstimmend mit dem Willen vom Allerhöchsten. Natürlich kann diese Berufung oder Argumentation nicht auf dem Verstand beruhen, sondern auf Glauben, Gehorsam und Unterwerfung – auf dem Prinzip: Gegenüber etwas demütig sein, das erlaubt, gegenüber allem anderen hochmütig zu sein. Natürlich kann die Erfüllung eines Wunsches, anders ausgedrückt, des Willens, nicht als wertlos bezeichnet werden – aber eventuell als schädlich.

Wenn Sie sich durch widerspruchsfreies Denken bedroht fühlen, sollten Sie Ihre Meinung oder Sinngebung überprüfen. Was einiges an Charakter erfordern wird, denn Widersprüchen die Zustimmung zu geben, gründet nicht darauf, die Wahrheit oder das Sein der anderen Menschen und des Kosmos zu würdigen, sondern auf der Loslösung von ihrem Sein und ihrer Wahrheit.

Woraus kommt die Übereinstimmung mit mir selber, das heisst, Befriedigung, Zufriedenheit, Glück?

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder aus der Würdigung des Seins – der Menschen und des Kosmos – oder aus ihrer Herabwürdigung. Insofern ich einen Menschen würdige, lasse ich sein Wesen, seine Realität, seine Wahrheit und sein Recht zu – wenn ich ihn herabwürdige, schränke ich sein geistiges, materielles oder physisches Sein ein, das heisst, ich schränke seine Wahrheit, seine Entfaltungsmöglichkeit oder sein Recht ein. Indem ich den anderen Menschen würdige, existiert er durch mein Einsehen, Wahrnehmen, Auf-mich-wirken-lassen – indem ich ihn herabwürdige hingegen durch den Willen: Es geht nicht um den anderen Menschen, sondern darum, wie er zu sein hat, damit er unter mir steht oder ich Macht über ihn habe – das lässt sich nur durch Widersprüche, Wahnideen, Illusionen oder Lügen realisieren.

Worin besteht mein geistiges Sein, wenn der Lebensinhalt oder die Hauptbeschäftigung und Befriedigung darin besteht, Macht über andere Menschen, Bevölkerungen oder Staaten zu gewinnen, das heisst, ihr geistiges, materielles oder physisches Sein einzuschränken? Es besteht darin, mit dem Wollen (Willen) bei ihnen zu sein oder anders ausgedrückt, im Austüfteln von Strategien, die die anderen Menschen, Bevölkerungen oder Staaten dazu bringen sollen, das zu sein, zu tun und zu lassen oder zu denken, was ich – oder meine Gruppe – will. Der andere Teil des eigenen geistig-emotionalen Seins kann in der Orientierung auf die eigene Gruppe bestehen, deren Inhalt ein Gott sein kann, der sie über die anderen Menschen gestellt hat.

Wenn die Übereinstimmung mit sich selber – Befriedigung, Zufriedenheit, Glück – aus Widersprüchen, Wahnideen, Illusionen, Lügen kommt, kommt sie aus der Aufspaltung des Seins, das heisst, es gibt etwas, das man hochhält und verehrt und das den Grund liefert, auf andere Menschen, Bevölkerungen oder Staaten mit Geringschätzung herabzublicken; das heisst, es gibt etwas, das man selber hat und die anderen nicht haben, zum Beispiel die Abstammung.

Chamfort: „Das Glück ist keine leichte Sache: es ist sehr schwer, es in uns, und unmöglich, es anderswo zu finden.“

Kann ich das Glück in mir selber finden, das heisst, in dem, was ich selber bin, wenn ich meinen Geist einschränke – durch Widersprüche, Illusionen, Lügen, Wahnideen?

Warum sollte ein ausgeweiteter Geist dem Glück förderlicher sein als ein eingeschränkter? Widersprüche, Illusionen, Lügen und Wahnideen können doch sehr viel Glück, Befriedigung, Lust bescheren und das Streben nach Wahrheit mit sehr viel Verdruss verbunden sein. Allerdings bedeutet die Übereinstimmung mit Widersprüchen, Illusionen, Lügen, Wahnideen und selektiver Wahrnehmung, dass das, was im Bewusstsein ist, nur ein eingeschränktes Bild der anderen Menschen und des Kosmos ist – aber immerhin ein Bild, das quasi auf den eigenen Willen zurückgeht: Es steht im Gegensatz zu Aufnehmen, Empfangen, Einsehen, Wahrnehmen, Auf-sich-wirken-lassen, das heisst, das, was im eigenen Geist ist, ist weniger die Realität der anderen Menschen oder des Kosmos, sondern ein willentliches Bild von ihnen.

Zu anderen Menschen das Verhältnis der Macht haben, bedeutet ein Verhältnis des Willens zu ihnen: Die Übereinstimmung mit sich selber – das heisst, Befriedigung, Glück, Lust – stellt sich dann ein, wenn sie mit meinem Willen übereinstimmen: Die Übereinstimmung mit sich selber wird an die Erfüllung des eigenen oder des Willens der Gruppe gebunden, nicht an die Übereinstimmung mit einem sachlichen Gehalt, will sagen, nicht an die Übereinstimmung von Idee und Gegenstand (= Wahrheit).

Macht ist nicht an einen Inhalt gebunden, aber sie gibt einen Inhalt: Die Beschäftigung mit anderen Menschen als deren Ursache man sich fühlen kann.

Die Frage ist: Was bin ich für die anderen Menschen, wenn ich mein Glück in Widersprüchen, Illusionen und Falschheit gefunden habe – denn es handelt sich um eine Abkoppelung von der allen Menschen gemeinsamen Realität. Wer das Glück – Befriedigung, Zufriedenheit – in Widersprüchen, Illusionen und Falschheit gefunden hat, der hat es nicht im Sein, sondern im Nicht-Sein gefunden, in der Macht oder im Schein. Von hier aus können wir einen Blick auf den Ursprung der abendländischen Religion werfen, das heisst, eine Religion, deren Sinn die Abgrenzung gegen andere Menschen ist. Und wenn die Abgrenzung nicht mehr vorhanden ist, ist die Religion aufgehoben. Der Ursprung der abendländischen Religion ist das Judentum.

Kann das Glück in der Aufspaltung von Geist (Psyche, Bewusstsein) und der – materiellen – Realität gefunden werden oder pointierter ausgedrückt: Anstatt im Sein, im Nicht-Sein?

Erfolg als Ursache von Glück

Erfolgserlebnisse – d.h. bejaht zu werden – geben unmittelbar Lust, und darum sind sie so begehrt. Diese Art Lust (Glück) quasi als Ziel zu verfolgen, hat allerdings ihre problematische Seite – weil Zustimmung erfahren, an sich noch nicht irgendeinen Inhalt bedeutet, sondern bloss auf Interessenabwägungen der Zustimmenden beruhen kann. Im Extremfall steht man eines Tages ohne unterstützende Meinungen und ohne Inhalt da. Was sogar Jesus passiert ist – aus seinen letzten Worten zu schliessen.

Der Zusammenhang von Glück und Gemeinschaft

Ein weiterer Gesichtspunkt ist, dass der Mensch nicht als Einzelwesen, sondern als Gemeinschaftswesen lebt. Wenn meine Vorstellungen vom Glück solche sind, die das Glück der andern beeinträchtigen, dann ist das nicht ideal für das Zusammenleben. Problematisch ist es auch, wenn meine Vorstellungen vom Glück zu Zerstörung und Gleichschaltung führen.

Ideal ist, wenn die Menschen solche Vorstellungen vom Glück haben, die zu einer Mehrung des Lebens und der Vielfalt führen.

Wenn die Lebensweise einer Gesellschaft darin besteht, das Lebendige durch Totes zu ersetzen, dann ist der Mensch mit der Natur nicht auf eine lebensfähige Art verbunden – und sein Glück besteht nicht in der Übereinstimmung mit der Natur und den andern Menschen.

Was den Genuss – das heisst, die Übereinstimmung mit der Natur und dem eigenen Geist – verkleinert:

– Verdrängung, Illusion, Lügen, selektive Wahrnehmung

– Pflanzen, Tiere, Dinge und Menschen unter einem Gesichtspunkt betrachten, in dem ich über ihnen stehe, d.h. Ideen, durch die ich mich selber mehr bejahe als sie

– mich selber belügen, um vor mir selber besser dazustehen, andere belügen, um vor diesen besser dazustehen

– auf das Fühlen von Neid mit Herabsetzung des andern reagieren, bzw. das, worauf ich neidisch bin, für wertlos erklären, ignorieren, zerstören, oder verbieten.

– meine Aufmerksamkeit gefangen nehmen lassen durch kurzfristige Reize, die inhaltslos sind (vorzüglich durch eine Maschine).

– mir Illusionen machen, zum Beispiel die, die Wirklichkeit, in der ich lebe, sei nur eine vorläufige

– über Produkte oder Ideen nachsinnen, die nur mich selber bejahen, die Natur aber herabwürdigen

– danach streben über andere zu bestimmen mit dem Ziel, dadurch zu Ehre und Reichtum zu kommen

– nach Erfolg streben, durch den ich nur mich selber bejahe, aber die Gemeinschaft und die Natur schädige

– die Ruhe fliehen und in der Rastlosigkeit leben

– durch Produkte leben, die die Rastlosigkeit vergrössern

Anmerkung:

Sich selber bejahen ist sicher eine gesunde Einstellung, nur sollte die eigene Bejahung nicht die Verneinung des andern bedeuten.

Sich selber nicht weniger bejahen, als den andern, würde ich sogar zu den Tugenden rechnen.

Wie kann ich meinen Genuss vergrössern?

Mit Genuss meine ich die Übereinstimmung mit der Natur, und dem eigenen Geist.

– die Ruhe pflegen, mich der Ruhe aussetzen, denn sie ist an sich Spiritualität, d.h., sie lädt dazu ein, mich selbst und die Welt unter ausgeweiteten Gesichtspunkten wahrzunehmen, auch deshalb, weil in der Ruhe etwas auf mich wirkt, und nicht, wie in der Bewegung (Aktivität), vorwiegend ich auf das andere wirke.

– Essen, Trinken, Kleidung, Wohnen, nach Möglichkeit auch die Arbeit, in einen tieferen Zusammenhang einbetten: alles wird schal und abgedroschen, wenn es bloss unter dem Gesichtspunkt von Unterhaltung, Macht, oder Begehrt werden existiert. Das Zusammenhangslose, Oberflächliche, Beliebige hat weder langwährende Freude in sich, noch Stil, noch Geist oder Religion.

– wenn ich danach strebe, möglichst wenig zu haben, aber von guter Qualität, kann ich damit das Streben nach Sinnlichkeit, Genuss und Ruhe unterstützen

– das Funktionelle mit dem Schönen verbinden, und nicht im einen Teil des Lebens (räumlich und zeitlich) der reinen Funktionalität und Rationalität frönen, unter Ausschluss des Schönen, des Gemütes und des Genusses und im anderen Teil des Lebens das dann nachholen wollen. Das Leben nicht auseinander fallen lassen in eine Zeit der reinen Funktionalität, und in eine Zeit, die dem Schönen und Angenehmen gewidmet ist

– von dem lernen, der eine andere Meinung hat

Das Streben nach Befriedigung kann kurzfristig oder langfristig angelegt sein

Der Mensch neigt dazu, den kurzfristigen Vorteil (Lust) über den langfristigen Nachteil zu setzen. Er kann sich zum Beispiel durch übermässiges Essen oder Beanspruchung des Körpers für den Moment eine Befriedigung verschaffen, hat aber eventuell den Nachteil eines langfristig ruinierten Körpers.

Mein Wollen, und Begehren – das, was ich will – kann von oberflächlichen und widersprüchlichen Gelüsten und Ideen geleitet sein. Durch Überlegung kann ich meine Wünsche und Begierden beeinflussen: einem Antrieb einen Gegenantrieb entgegensetzen.