Grundsätzlich hat er zwei Möglichkeiten, die Übereinstimmung mit sich selber – das heisst, Zufriedenheit, Befriedigung, Lust, Glück – zu erreichen: Entweder den Weg, der die Übereinstimmung von sich selber mit dem Sein einschliesst oder den Weg, auf dem die Übereinstimmung mit sich selber nicht mit dem Sein übereinstimmt. Dass der Mensch nach Übereinstimmung mit sich selber strebt, liegt in seiner Natur – aber warum wählt er den Weg, auf dem er die Übereinstimmung mit sich selber durch Nicht-Übereinstimmung mit dem Sein gewinnt?
Wenn die Übereinstimmung mit sich selber nicht aus der Übereinstimmung mit dem Sein kommt, woraus kommt sie dann? Sie kommt aus einem eingeschränkten Sein, zum Beispiel aus Ausübung von Macht, dem Gefühl von Überlegenheit oder der Unterwerfung unter eine Wirklichkeit über der Wirklichkeit. Eine so festgelegte Beziehung zu Menschen und Natur legt Wert darauf, in ihren Widersprüchen, Illusionen, Wahnideen und Lügen nicht erkannt zu werden – was meistens erfolgreich ist, da sie als Ideologie oder Religion auftritt: im Namen von etwas Höherem oder des Guten. Die Übereinstimmung mit sich selber durch Einschränken des Seins gewinnen, bedeutet ein verewigtes Verhältnis des Wollens zu ihm.
Welches sind die Merkmale eines ethisch guten Menschen? Er stellt sich nicht über die anderen Menschen, sondern bejaht sie genauso wie sich selber. Das heisst, seine Beziehung zu den anderen Menschen besteht nicht aus Ausübung von Macht oder dem Gefühl von Überlegenheit und andere Menschen haben nicht einen relativen oder zweitklassigen Status durch die eigene Unterwerfung unter eine Wirklichkeit über der Wirklichkeit. Sich nicht über die anderen Menschen stellen, sondern sie genauso zu bejahen wie sich selber, bedeutet Übereinstimmung mit dem Sein: Damit bedeutet Ethik nicht einfach ein abstraktes gutes Handeln, sondern einen inneren, geistigen Zustand: Einen Zustand der Verbundenheit mit dem Sein, indem etwas anerkannt wird, in dem alle Menschen sind. Falschheit ist ein «geistiger» Zustand, der Widerspruch zum Sein bedeutet. Fatal ist Falschheit, die ideologisch oder religiös abgestützt ist.
Welche Antriebe könnte es geben, mit dem Sein übereinzustimmen, das heisst, sich nicht über andere Menschen und den Kosmos zu stellen?
1) Verantwortungsgefühl: Denn Aufspaltung oder ihre Unterstützung bedeuten «gegeneinander», nicht «miteinander»: die gemeinschaftliche Grundlage wird aufgegeben zugunsten von Separatismus und partikularen Interessen. Die unweigerliche Folge sind Menschen, Völker oder Staaten, die an ihrer Entfaltung gehindert werden.
2) Die Angst vor dem Verlust der Selbstachtung: Eine Übereinstimmung mit sich selber, die nicht mit dem Sein übereinstimmt, bedeutet eine tiefgehende Falschheit.
3) Streben nach dem Genuss des Seins: Ich kann das Sein nicht geniessen, wenn ich mich über es stelle – ich kann es auch nicht geniessen, wenn ich es verneine. Um den Menschen oder den Kosmos zu geniessen, muss ich sie würdigen oder sie aufnehmen, empfangen, einsehen, wahrnehmen, auf mich wirken lassen.
4) Die Angst vor einer fundamentalen Einsamkeit: Sich mit dem Kosmos und den anderen Menschen – dem Sein – nicht als Einheit zu fühlen, verlangt nach Ersatz; normalerweise ist das eine Selbstbestätigungs- oder Kuschelgruppe. Eine Selbstbestätigungsgruppe, die vom Sein trennt, kann allerdings die Einsamkeit nicht wirklich aufheben – aber sie bietet soziales Beisammensein und Aktivität: es kann an der Aufspaltung gearbeitet werden; das überdeckt die Einsamkeit, die konzentriertes Ich-Wachbewusstsein ist, das heisst, das Gegenteil von verschmelzendem Bewusstsein.
Wollen und Verstand. Kann das Wollen gegen den Verstand gerichtet sein oder kann es gegen das Denken gerichtet sein? Wollen ist Denken, aber es ist auch der Wunsch nach einer Veränderung: Ein unangenehmes Gefühl soll aufhören (zum Beispiel Schmerz, Gefühl des Minderwerts, Einsamkeit, Sinnlosigkeit) oder der Wunsch nach Bedeutung, Besitz oder Sinnenlust soll erfüllt werden.
Kann das Wollen dem Verstand widersprechen? Der Mensch kann das, was die Menschen und der Kosmos für ihn sind, entweder durch seinen Willen bestimmen oder durch ihr Aufnehmen, Empfangen, Einsehen, Wahrnehmen, Auf-sich-wirken-lassen. Indem er das, was sie für ihn sind, durch seinen Willen bestimmt, kann er sich über sie stellen und sich zu ihren Lasten Bedeutung geben. Das heisst, er kann eine Übereinstimmung mit sich selber erreichen, aber zu Lasten der Übereinstimmung mit dem Sein. Die Ideen, die der Wahrheit widersprechen, haben meistens die Eigenschaft, dass sie das Objekt (Menschen, Kosmos) herabwürdigen. Falschheit bringt viele Probleme mit sich, eines davon ist, dass Geist und Scharfsinn ihre Feinde sind und deshalb eliminiert werden müssen – willkommen aber ist alles, was als das Gute oder Geist auftritt, aber nur Perversion oder geistiger Nonsens ist.
Das Ziel des Wollens ist zweifellos Befriedigung – aber ist damit innere Ruhe oder innerer Frieden gemeint? Vor Befriedigung hat kein Mensch Angst – aber möglicherweise vor (innerer) Ruhe oder (innerem) Frieden, denn er spürt, dass damit ein Absolutheitsanspruch – sei es als Individuum oder als Gruppe – nicht vereinbar ist; wie kann er etwas suchen, vor dem er Angst hat? Innerer Friede oder innere Ruhe würden Übereinstimmung mit dem Sein bedeuten, das heisst, sie sind nicht vereinbar mit Falschheit und Hochmut.