Das Sein, oder die Wirklichkeit ist ein Zusammenschluss von Materie und Geist

es ist also nicht etwas, das eine materielle (räumliche) Grenze hat: es hat deshalb auch keinen Sinn, nach einer Ursache, einem materiellen, oder räumlichen Anfang zu suchen. Anders ausgedrückt ist das Sein unendlicher Zusammenhang, unendliche Möglichkeit, unendliche Unterschiedenheit (Vielfalt). Es hat deshalb auch keinen Sinn nach einem zeitlichen Anfang zu suchen.

Zum besseren Verständnis muss ich vielleicht noch daran erinnern, dass Geist keine – räumliche – Ausdehnung besitzt, Materie hingegen räumlich ausgedehnt ist (ist eine Erkenntnis Descartes‘).

Im menschlichen Bewusstsein ist die Verbindung von Materie und Geist einerseits so „eng, enger geht’s nicht“ (nach einer Formulierung Descartes‘), andererseits definiert die Unterscheidung von Materie und Geist das Wesen des Menschen, denn es besteht darin, dass es für ihn einen klaren Unterschied gibt zwischen etwas geistig Vorhandenem und etwas materiell Vorhandenem (zum Beispiel ist ein Apfel im Geiste nicht ein realer Apfel).

Jene, die ihr Bewusstsein als eine abstrakte Entität (Seele) betrachten, die im Grunde genommen ohne Zusammenhang mit dem Körper, aus sich selber bestehe, oder direkt von einer Gottperson stamme, haben eine Einstellung zur Materie – und überhaupt zur Wirklichkeit – in der sie zum vornherein das Absolute sind; was, wie ich denke, nicht ohne Einfluss auf ihre Sexualität ist: denn bei dieser besteht die gegenseitige Erfüllung im Aufnehmen, Empfangen, auf sich wirken lassen – nicht im Wollen, oder einer Machtposition.

Was ist das Sein – die Wirklichkeit?

Es ist für den Menschen zuallererst Bewusstsein (Denken, Geist); insofern habe ich keine andere Meinung als René Descartes: denn ohne Bewusstsein (Denken) bin ich nicht.

Unser Bewusstsein schliesst allerdings das räumlich Existierende (das Körperliche, Materielle) nicht aus, sondern ein: Sind wir uns doch des körperlich Ausgedehnten und des nicht körperlich Ausgedehnten gleichermassen ganz selbstverständlich bewusst.

Da Bewusstsein nicht körperlich ausgedehnt ist, kann es nicht gegen etwas Körperliches abgegrenzt sein; die körperliche Abgrenzung gegen andere Körper besteht nur durch den eigenen Körper – das Bewusstsein, das Sein, oder die Wirklichkeit ist also grundsätzlich unendlich.

Wie steht es mit dem Bewusstsein einer Gottperson? Bei ihr wäre Bewusstsein völlig ohne Bezug auf Körperlichkeit vorhanden – denn es wird gesagt, sie sei rein geistig.

Wie verhält sich Bewusstsein zu Wollen (Willen)? Beim Menschen ist dieses klar durch den Selbsterhaltungstrieb des Körpers gegeben. Wie aber ist das bei einer Gottperson, die rein geistig sei? Wodurch kann das Wollen von etwas rein Geistigem geleitet sein? Wie kann Wollen bei einer Gottperson vorhanden sein, bei der es doch völlig undenkbar ist, dass es bei ihr etwas geben könnte, das nicht von jeher in ihrem unendlichen Bewusstsein gewesen wäre: dass Macht über etwas anderes, in irgendeiner Art Traktandum einer allmächtigen Gottperson sein könnte, ist ein Widerspruch in sich selber!

Natürlich kann man sich fragen, was unendliches Bewusstsein (Geist) noch mit einer Person zu tun habe – dies umso mehr als Person-sein ohne Bindung an ein Wollen wohl undenkbar ist.

Meine Auffassung des Göttlichen ist meine Auffassung der Wirklichkeit

Wenn für mich kein Unterschied besteht zwischen dem Göttlichen und der Wirklichkeit, dann ist das Erfassen der Wirklichkeit das Erfassen des Göttlichen.

Wenn für mich die Wirklichkeit etwas ist, das von einem Gott (rein geistige, wollende, allmächtige Person) erschaffen wurde, dann ist sie wie ein Ding, abgegrenzt, nicht unendlich, ausserdem willkürlich.

Wirklichkeit

Unter Wirklichkeit verstehe ich das, was ist bzw. sein kann oder was wir sind und worin wir sind. Zur Wirklichkeit zähle ich auch Träume, Einbildungen, Lü­gen und Fantasien, ebenso das Mögliche, ja sogar die Leere und das Nichts, dies umso mehr, als es Gegenbe­griffe sind. Es kann nicht etwas Nicht-Wirkliches geben; aber es gibt Ideen, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmen und Ideen, die mehr oder weniger Sein enthalten.

Die Wirklichkeit – oder das Sein – ist unendlicher Zusammenhang, unendliche Möglichkeit, unendliche Unterschiedenheit (Vielfalt).