Welche Merkmale könnte dieses Etwas haben? Welche Merkmale haben «Gott», «reiner Geist», «Substanz»? Sie seien homogen, rein, unbedingt, absolut, von nichts abhängig und mit nichts zusammenhängend?
Die sehr schöne Antwort einer KI:
«Die Merkmale, die Sie aufzählen – homogen, rein, unbedingt, absolut, von nichts abhängig, mit nichts zusammenhängend – sind bemerkenswert, weil sie fast ausschließlich negativ bzw. privativ definiert sind. Sie sagen, was dieses Etwas nicht ist oder nicht hat: keine Abhängigkeit, keine Bedingtheit, keine Vielheit, keinen Zusammenhang. Das ist kein Zufall, sondern strukturell notwendig – und genau darin liegt das Problem.
Warum die Negativität notwendig ist: Sobald man dem Absoluten eine positive Bestimmung gäbe – etwa „es ist Denken“ oder „es ist Ausdehnung“ oder „es ist gütig“ –, hätte man es bereits in eine Kategorie neben anderen möglichen Kategorien gestellt. Es wäre dieses und nicht jenes, also begrenzt, also bedingt durch seinen Gegensatz. Plotin hat das im Neuplatonismus radikal durchdacht: Das Eine (to hen) darf nicht einmal „Sein“ heißen, denn Sein ist schon Bestimmtheit, schon ein Erstes unter Kategorien. Das Eine ist epekeina tes ousias – jenseits des Seins selbst. Konsequenterweise landet man bei einer reinen via negativa: Man kann nur sagen, was es nicht ist.
Das erste Problem: Homogenität und Reinheit sind selbst Bestimmungen. „Homogen“ heißt: ohne innere Differenz. Aber ein Etwas ganz ohne jede Differenzierung ist von „Nichts“ nicht mehr zu unterscheiden – das ist exakt Hegels Einstiegspunkt in der Wissenschaft der Logik. Reines Sein, ganz unbestimmt, „ist die reine Unbestimmtheit und Leere“ und fällt daher mit dem reinen Nichts zusammen; beide sind ununterscheidbar, solange keine Bestimmung hinzutritt. Das bedeutet: Je konsequenter man „Reinheit“ und „Homogenität“ fordert, desto mehr nähert sich das Ergebnis der bloßen Leere – nicht einem mächtigen Ur-Grund, sondern einem Nichts, das man nur noch feierlich anders nennt.
Das zweite Problem: „Unbedingt“ und „mit nichts zusammenhängend“ widersprechen der Funktion, die man diesem Etwas zuschreiben will. Man will ja, dass es den Einzeldingen vorausgeht, sie begründet, ihnen zugrunde liegt. Aber „Grund von etwas sein“ ist selbst schon eine Relation – ein Zusammenhang. Ein Grund, der mit nichts zusammenhängt, kann auch nicht Grund von irgendetwas sein. Das ist die klassische Aporie, die schon Plotin selbst quälte: Wie kann aus dem absolut Einen, das keine Vielheit und keine Beziehung enthält, überhaupt eine Vielheit hervorgehen (die berühmte „Emanation“)? Jede Erklärung dieses Hervorgehens muss dem Einen doch irgendeine Beziehung zu seinen Folgen zuschreiben – und untergräbt damit die behauptete Beziehungslosigkeit.
Das dritte Problem: Absolutheit als Selbstwiderspruch der Bestimmung. „Absolut“ kommt von absolutum – losgelöst, abgetrennt. Aber „losgelöst von etwas“ ist eine Bestimmung relativ zu eben diesem Etwas. Man kann Loslösung nicht denken, ohne das zu denken, wovon losgelöst wird. Genau deshalb bemerkte schon Hegel, dass das vermeintlich reine Fürsichsein des Absoluten immer schon die Dinge, von denen es sich abgrenzt, in sich enthält – als das, was es negiert. Ein wirklich beziehungsloses Absolutes wäre nicht einmal denkbar, weil Denken selbst Relation ist (Subjekt–Prädikat, Begriff–Gegenstand).
Woraus folgt, was „Gott“, „reiner Geist“, „Substanz“ tatsächlich sind, wenn man diese Merkmale ernst nimmt: Sie sind Grenzbegriffe – Wörter, die die Denkbewegung an einen Punkt treiben, wo sie sich selbst aufheben. Sie benennen nicht ein Ding, sondern die Forderung nach einem letzten Halt für den Erklärungsregress, gepaart mit der gleichzeitigen Verneinung jeder Eigenschaft, die diesen Halt wieder in die Kette der bedingten Dinge hineinziehen würde. Das ist strukturell dasselbe Problem wie bei Kants „Ding an sich“: Etwas, das per Definition außerhalb jeder möglichen Erfahrung und Bestimmung liegt, kann nicht zugleich als Ursache von Erscheinungen fungieren – denn Kausalität ist selbst eine Kategorie, die nur innerhalb der Erfahrung gilt.
Gibt es also überhaupt etwas, das den Einzeldingen vorausgeht? Wenn man die geforderten Merkmale (rein, homogen, unbedingt, beziehungslos) konsequent durchhält, läuft die Antwort auf zwei mögliche Ergebnisse hinaus:
Entweder man landet bei reiner Leere – einem Begriff ohne Inhalt, der von Nichts nicht zu unterscheiden ist (Hegels Pointe).
Oder man gibt die Beziehungslosigkeit stillschweigend wieder auf, sobald man behauptet, dieses Etwas „gehe voraus“ oder „begründe“ – und hat dann in Wahrheit nichts anderes als ein weiteres Glied im Zusammenhang, nur mit dem Etikett „erstes Glied“ versehen, ohne dass dieses Etikett irgendetwas an seiner Zugehörigkeit zum Zusammenhang ändert.
In beiden Fällen bestätigt sich Ihre eigentliche These: Es gibt kein Drittes zwischen „purer Leere“ und „Teil des Zusammenhangs“ – die geforderten Merkmale eines wirklich vorausgehenden Absoluten heben sich in dem Moment selbst auf, in dem man versucht, sie kohärent zu denken. Was übrig bleibt, ist der unendliche Zusammenhang selbst, dem nichts vorausgeht, weil ein „Voraus“, das diese Merkmale trüge, gar nichts mehr wäre – oder eben doch nur ein weiteres, verkleidetes Stück des Zusammenhangs.»