Was ist das Grossartige daran, als höchstes Gut eine rein geistige Gottperson erfunden zu haben, mit dem Resultat, dass Materie nur noch Objekt der Macht, des Besitzes oder der Funktion ist? Verstanden die Gründer dieser Religion unter Sein (Wirklichkeit) – etwas Aufgespaltenes, bei dem der eine Teil über den anderen herrsche? Was bedeutet Würdigung des ‘rein Geistigen’: Geringschätzung oder Verachtung der Materie? In den meisten Fällen mit dem Resultat, dass die Gier nach materiellen Werten ins Unermessliche steigt. Wenn durch eine Religion das Sein aufgespalten wird, kann es sich nicht um Würdigung des Seins handeln.
Was spricht dagegen, die Würdigung des Seins als das höchste Gut zu betrachten? Man würde meinen, dass vom Verfolgen dieses Zieles alle Menschen profitieren können – und es deshalb keine Konkurrenten oder Feinde haben kann. Aber das ist leider nicht ganz so, wenn nämlich die Würdigung des Seins allgemein als das höchste Gut anerkannt würde, gerieten Weltanschauungen, Handlungsweisen und sogar Religionen ins Hintertreffen, die diesem Ziel entgegengesetzt sind. Es handelt sich also sozusagen um eine Konkurrenz der Sinnanbieter, wobei die Kehrseite gewisser Sinnangebote eine Machtideologie ist – was bedeutet, dass ein Philosoph bekämpft wird, der den Menschen als Sinn die Würdigung des Seins anbietet. Ich denke dabei zum Beispiel an Spinoza.
Was ist davon zu halten, wenn eine Religion, Ideologie oder politisches Gremium auftritt und sagt, das höchste Gut sind wir, denn durch uns wird es offenbart: Wir belohnen oder strafen euch, je nach Gehorsam, Unterwerfung und Glauben. Wer gegen uns ist, ist gegen Gott oder moderner: Wer gegen uns ist, ist gegen Demokratie, Freiheit und Menschenrecht.
Das höchste Gut und das Volk. Propagiert ein wahrhafter Führer des Volkes ein höchstes Gut? Es ist ihm klar, dass die Grundlage jeder Einheit, die Bestand haben soll, die Würdigung des Seins ist. Für mich selber ist das Lebensziel klar: ein angenehmes Leben – und ich nehme an, das ist bei 99% der Menschheit so (vielleicht sogar bei 99.8% der Menschheit); aber mir ist klar, dass ich mit einem toten Geist und schlechten Charakter kein angenehmes Leben haben kann. Mir ist auch klar, dass wahrhafter Genuss nur in der Übereinstimmung mit dem Sein liegen kann (mit den Zusammenhängen des Kosmos oder der Wahrheit der Menschen). Sich über andere Menschen oder den Kosmos stellen, ist der Übereinstimmung mit dem Sein entgegengesetzt.
Anschlussfrage: Kann das ein guter politischer Führer sein, dessen Ziele mit 0.2% der Menschheit übereinstimmen?
Wie steht das Summum Bonum (höchstes Gut) zum Bonum Commune (Gemeinwohl)? Das Summum Bonum ist dann dem Bonum Commune entgegengesetzt, wenn sein Erreichen oder sein Genuss von einem ausschliessenden Kriterium abhängt: Zum Beispiel der Abstammung oder von Geld/Vermögen, Macht. Die jüdische Ideologie zum Beispiel sagt den Menschen (Aussenstehenden): Ihr könnt gar nicht in den Besitz des höchsten Gutes kommen, weil ihr keine Juden seid.
Im weiten Sinn ist Geist das Fühlen und Denken des Seins, im engeren Sinne die Würdigung des Seins. Kann die Würdigung des eigenen Seins oder das höchste Gut im Pflegen einer Ideologie bestehen, die die eigene Gruppe über die anderen Menschen stellt – es würde sich nicht um Aristokratie, sondern Philistertum handeln.