Kann unter Sein etwas anderes verstanden werden als Zusammenhang?

Was wäre das absolut Zusammenhangslose, Unbedingte, Voraussetzungslose, mit nichts Zusammenhängende, das als Sein oder Wirklichkeit gelten soll? Kann es Gott genannt werden?

Sind Wirklichkeit und Gott identisch? Da der jüdisch-christliche Gott eine Person ist, muss die Frage heissen: Sind Gottperson und Wirklichkeit identisch? Gottperson und Wirklichkeit können nicht identisch sein, weil Personsein heisst, dass es etwas gibt, worin die Person ist oder etwas, das die Person nicht ist. Die menschliche Person ist im eigenen Körper und im Kosmos und bildet mit ihnen eine Wirklichkeit. Anders ist das bei der Gottperson, denn es wird gesagt, sie sei rein geistig und es gebe nichts, worin sie ist – und die Wirklichkeit, die es zusätzlich zu ihr gebe, habe sie selber erzeugt.

Wenn es nichts gibt, worin sie ist, worauf bezieht sich dann ihr Wille und ihre Macht – oder existiert sie auch ohne Willen und ohne Macht? Wenn die Gottperson das, worauf sich ihr Wille und ihre Macht beziehen, vorgängig selber erzeugt hat, dann hat sie ihre eigene Voraussetzung selber erzeugt. Ist die Idee von etwas, das seine eigene Voraussetzung erzeugt, in sich widersprüchlich – das heisst: Ist die Idee einer Gottperson widersprüchlich?

Die Statuierung einer Gottperson spaltet den unendlichen Zusammenhang des Seins auf: Es wird gesagt, es gebe einen unendlichen, rein geistigen Teil der Wirklichkeit, der von einem endlichen, materiellen abgegrenzt sei – und zwar durch den Willen und die Macht einer Person (Gottperson).

Was bedeutet es für die Sinngebung und das Selbstverständnis des Menschen, wenn es etwas – eine Gottperson – gebe, das durch seinen Willen und seine Macht das Unendliche sei und dadurch den Kosmos und das Universum hervorgebracht habe? Was ist auf diese Weise für den Menschen die Wirklichkeit? Etwas zum Anbeten, Gehorchen und Glauben.

Welchen Zusammenhang hat die jüdisch-christliche Gottperson? Es wird gesagt, die jüdisch-christliche Gottperson hänge von nichts ab, aber es gebe etwas ausserhalb von ihr – das Nicht-Gott-Sein – und das hänge von ihr ab. Das, was ausserhalb von ihr ist – das Nicht-Gott-Sein – gehöre nicht zu ihrem Wesen, aber sie habe es erzeugt, zum Beispiel die Materie oder das Böse.

Wenn die Wirklichkeit nicht etwas Abgegrenztes ist, das heisst Objekt, was ist sie dann? Die Wirklichkeit oder das Sein ist das, was der Mensch ist und das, worin er ist. Das, was der Mensch selber ist – Bewusstsein – kann ihm nicht als Objekt gegenüberstehen. Zu Bewusstsein gehört allerdings auch das, worin es ist – und das steht dem Menschen als Objekt bzw. Objekte gegenüber (Dinge der Natur, die anderen Menschen, das, was er hervorbringt).

Wirklichkeit oder Sein kann als Zustand beschrieben werden, als Verlaufsform oder etwas, das in der Bewegung existiert, in der in unendlichen Zusammenhängen Abgegrenztes entsteht und vergeht – und der Mensch ist das Lebewesen, das diesen unendlichen Zusammenhang, der die Wirklichkeit ist, denken und fühlen kann.

Von einem Objekt können unendlich viele Eigenschaften verneint werden, vom Sein, der Wirklichkeit oder einem unendlichen Zusammenhang hingegen können keine Eigenschaften verneint werden – gegen was also soll es abgegrenzt sein?

Es kann gesagt werden, die Idee – Geist – und das, was die Idee meint – Materie – seien voneinander abgegrenzt – aber das Sein oder die Wirklichkeit ist weder das eine noch das andere, sondern beide zusammen. Auch lebendig und tot sein, Wasser und Feuer, Sonnenblume und Ameise, rund und viereckig sind gegeneinander abgegrenzt – aber sie bilden zusammen die eine Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit oder das Sein ist das, was wir sind und worin wir sind, schon bevor wir einen Atemzug gemacht, einen Gedanken gehabt oder ein Wort ausgesprochen haben.

Ist ein Ding (Staubkorn, Sonne, Mensch) ein unendlicher Zusammenhang? Wenn das, was zu einem Ding gehört – oder anders ausgedrückt: das, ohne was das Ding nicht sein kann – unendlich ist, ist auch das abgegrenzte, endliche Ding in gewisser Weise unendlich: Staubkorn, Sonne und Mensch sind insofern unendlich, als sie Teil eines unendlichen Zusammenhanges sind. Die unendliche Vielfalt des Abgegrenzten und zugleich Zusammenhängenden – ihr Werden und Vergehen – bildet die Wirklichkeit.

Auch die jüdisch-christliche Religion sagt, das, was zu einem Ding gehöre und ohne was es nicht sein könne, sei unendlich – nämlich die Gottperson. Aber für die jüdisch-christliche Religion ist der Grund der Existenz eines Dinges (Staubkorn, Sonne, Mensch) nicht ein unendlicher Zusammenhang, sondern der Wille und die Macht einer Gottperson: Dadurch entsteht die Weltanschauung eines Kindes, das ein Bilderbuch mit einem allmächtigen Zauberer betrachtet: Die Welt besteht aus Dingen – Bäume, Tiere, Menschen – die durch Zauberhand angeknipst, ausgeknipst und umgewandelt werden können – aber nicht aus einem festgefügten unendlichen Zusammenhang zwischen ihnen.

Fazit: Ohne eine Gottperson – durch die eine Wirklichkeit über der Wirklichkeit statuiert wird – würden wir in einer unendlichen Wirklichkeit leben, das heisst, die Wirklichkeit wäre ein unendlicher Zusammenhang.

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