Die Ablösung des Denkens vom Sein

Das Konzept der semitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) besteht darin, dass ursprünglich nur Geist – das Bewusstsein, oder das Ich, der rein geistigen Person – gewesen sei, aber keine Materie: das heisst, Geist sei das Unvermittelte, Unbedingte, Göttliche, die Materie hingegen nur Nachgeordnetes, Hinzugekommenes, Vorläufiges, Zweitrangiges, Willkürliches, Minderwertiges, Gegenstand der Macht.

„Creatio ex nihilo“ bedeutet aber nicht eigentlich Erschaffen aus dem Nichts, denn es wird gesagt, das, was erschaffen wurde – und fortwährend wird – sei zuerst in geistiger Form – als Idee – in der rein geistigen, allmächtigen Person vorhanden gewesen. Wie aber wurde aus der Idee eines Baumes ein tatsächlicher Baum, aus der Idee der Sonne eine physische Sonne, aus der Idee des Menschen ein konkreter Mensch? Das wird aus dem Wollen der rein geistigen Person erklärt, aus ihrem Streben nach einem Realisierungsakt. Allerdings ist Wollen eine Empfindung – und Empfindung kann wohl nicht als rein geistig bezeichnet werden. Ausserdem können in der rein geistigen, wollenden, allmächtigen Person nicht Empfindungen (Gefühle) sein, die davon herrühren, dass etwas anders sein sollte als es ist! Kann es doch ausserhalb des unendlichen Geistes der allmächtigen Person nicht etwas geben, das ihren Festlegungen entgegengesetzt sein könnte.

Was sind die Gründe, dass in den semitischen Religionen Materie nicht göttlich sein darf? Wenn Materie als unendlich tätiges, in unendlichen Zusammenhängen wirkendes Prinzip angesehen würde, dann hätte sie Sinn und Zweck in sich selber! Der Sinn aber soll eine willkürliche, rein geistige, allmächtige Person sein, zu der das Verhältnis des Glaubens und der Unterwerfung besteht, und für die Materie Gegenstand der Macht ist.

Kann sich jemand eine rein geistige Person vorstellen? Ich jedenfalls nicht, weil „rein geistig“ keinen Raum einnimmt, Person aber nur fassbar wird, wenn sie einen Ort einnimmt, etwas sinnlich Wahrnehmbares hat, das heisst, gegen etwas anderes abgegrenzt ist; eine Stimme, die Worte spricht, wäre immerhin etwas sinnlich Wahrnehmbares.

Was Realität – oder Wahrheit ist – wird für den Gläubigen durch seinen Glauben bestimmt, nicht durch Aufnehmen, Empfangen, Einsehen, Auf-sich-wirken-lassen, Wahrnehmen – dieses wäre nicht dem Glauben unterstellt, und somit auch nicht dem Willen.

War Moses – der Gründer der rein geistigen, wollenden, allmächtigen Person – mehr Politiker, Philosoph, Theologe oder Jurist (Advokat, Gesetzgeber, Anwalt)? Er ist der Gewährsmann des semitischen Glaubens, denn er hat als erster mit der rein geistigen, wollenden, allmächtigen Person gesprochen.

PS: Herr Thomas von Aquin, gibt es für die rein geistige, wollende, allmächtige Person ein „vorher“ und ein „nachher“? Oder läuft ihr Geist simultan zu dem, was vorgeht auf der Erde und im Universum?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s