Am Anfang war der Wille – das ist das Credo der semitischen Religion

Der Gegensatz zu «am Anfang war der Wille» ist «am Anfang war der – unendliche – Zusammenhang». Wobei, wohlverstanden, ein Zusammenhang, der unendlich ist, gar keinen Anfang haben kann.

Wollen ist Sein – allerdings nicht realisiertes Sein. Natürlich kann das, was gewollt wird, nur Akzidens (etwas Zusätzliches) sein, nicht die Substanz. Wenn allerdings gesagt wird, Materie sei ein Produkt des Wollens, fragt man sich, was die Substanz sei? Die Theologen sind nicht verlegen und sagen: Die Substanz sei rein geistig, genauer eine rein geistige Person, deren Wollen ewig sei, denn wenn es aufhören würde, würde auch das Person-sein aufhören: Es handle sich also um einen ewigen Willen, der einem ewigen Machtobjekt gegenübersteht.

Rein geistig heisst, es bestehe ein Bewusstsein oder ein Ich, das nicht durch einen Körper zusammengehalten wird und dass die Objekte des Bewusstseins nur im Geiste bestehen, aber trotzdem ein Wille vorhanden sei. Die rein geistige Person kann nicht räumlich gegen Materie abgegrenzt sein, weil sie – im Gegensatz zum Menschen – keinen Körper hat. Das heisst, diese Person kann nur über ihre Macht oder ihren Willen vorgestellt werden. Mit dem Wollen sind Ideen verbunden: Etwas, das anders sein soll. Das, was anders sein soll, können aber nicht die Ideen der rein geistigen Person sein – was aber ist es dann, das anders sein soll, denn ausserhalb der Gottperson kann es keine Ursachen geben.

Beim Menschen wird man misstrauisch, wenn das Objekt der Idee nur im Geiste besteht, bei der Gottperson hingegen ist Idee und Realität identisch, da nichts ausserhalb ihres Geistes existiert; das heisst: es kann gar nicht zwischen Idee und Objekt der Idee unterschieden werden. Natürlich entsteht so die Frage, was dann Wollen (Wille) bedeuten soll?

Die Sonne selber und die Idee der Sonne sind zwei verschiedene Realitäten. Welches ist das Wirken der Idee der Sonne und welches das Wirken der Sonne selber? Materie wirkt streng kontinuierlich, in einem stringenten Fluss, ihre unabsehbaren Teile wirken perpetuell und unabsehbar aufeinander – die verschiedenartigen Ideen, Vorstellungen oder Gedanken hingegen bedeuten eine Abfolge, die gleichsam Sprünge oder Hüpfer sind. Zusammengehalten werden sie durch das Bewusstsein und den zugehörigen Körper.

Ist Wollen ein Empfinden oder ein Denken? Beim Tier ist es bloss Empfinden, beim Menschen Empfinden und Denken – aber was ist es bei der Gottperson? Wollen ist Streben nach einem Realisierungsakt. Kann Streben nach einem Realisierungsakt als blosses Denken ohne Empfinden betrachtet werden? Einer reingeistigen Gottperson Empfindung zuzuschreiben, ist problematisch, weil Empfinden eine Nähe zu Körperlichkeit aufweist.

Das Wollen und das Gewollte. Beim Menschen gehören Wollen und das Gewollte zur selben Wirklichkeit, weil bei ihm Geist und Körper (Materie) eine Einheit bilden. Bei der Gottperson hingegen können Wollen und das Gewollte, das heisst Materie, nicht zur selben Wirklichkeit gehören, weil die Gottperson rein geistig sei. Wille und Macht seien zwar die Hauptmerkmale der Gottperson, aber sie existiere auch ohne die Objekte ihres Willens und ihrer Macht.

Beim Menschen bedeutet die Idee des Gewollten nicht unbedingt die Möglichkeit, Fähigkeit oder Macht zur Realisierung. Bei der Gottperson hingegen kann das, was anders sein soll, unumschränkt realisiert werden. Es fragt sich allerdings, was anders sein soll, wenn das, was existiert vollumfänglich auf ihren Geist oder ihr unendliches Bewusstsein zurückgeht und es keine Ursachen ausserhalb von ihr geben kann.

Beim Menschen können wir unterscheiden zwischen dem Wollen und der Tätigkeit, die zur Realisierung des Wollens oder des Zieles führt. Bei der Gottperson hingegen kann eine solche Tätigkeit nicht vorhanden sein, weil sie rein geistig ist. Wodurch aber findet dann die Realisierung statt? Wenn Wollen und Realisierung in eins zusammenfallen, gibt es kein Wollen mehr. Wollen bedeutet eigentlich, Verfolgen eines Zieles – was bei einer allmächtigen Gottperson mit unendlichem Bewusstsein eine grosse Ungereimtheit darstellt.

Kann ein Wesen eine Person sein, ohne ein Ich zu sein – diese Frage stellt sich bezüglich einer Person, der Allmacht, unendliches Bewusstsein und Unveränderlichkeit zugeschrieben werden und bei der die Spannung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit fehlt: Wo kein Werden ist, ist auch kein Ich – und damit keine Person im eigentlichen Sinn.

Wie ist es von reinem Geist zu Materie gekommen? Die Antwort der Theologen lautet: Durch den Willen der rein geistigen Gottperson. Bei Materie, Leben und Geist handle es sich nicht um einen unendlichen Zusammenhang, sondern den Zusammenhang eines persönlichen Willens und das, was durch ihn realisiert wird oder wurde. Auf der einen Seite der allmächtige Realisator und auf der anderen das, was durch seine Macht hervorgebracht wurde und seiner Macht unterliegt: Ein Weltbild eines durch Macht begründeten Dualismus. Unter Religion oder dem Höchsten und Wertvollsten wird die Macht und ihre Anbetung verstanden.

Wie unterscheidet sich Gott von der Wirklichkeit? Unter Wirklichkeit verstehe ich Universum, Kosmos inklusive Menschen, Geist, Bewusstsein, Leben, Materie.

Es wird gesagt, es gebe etwas, ohne das es die Wirklichkeit nicht gäbe – und das sei die Gottperson. Wobei wir beachten müssen, dass die Wirklichkeit nur dann eine Ursache haben kann, wenn sie nicht unendlicher Zusammenhang ist.

Ist der Zusammenhang des menschlichen Bewusstseins die unendliche Wirklichkeit oder eine allmächtige Gottperson? Wenn der Zusammenhang des menschlichen Bewusstseins als rein geistige Gottperson aufgefasst wird, dann wird das menschliche Bewusstsein als unabhängig von der materiellen, körperlichen Wirklichkeit aufgefasst: Der Zusammenhang des menschlichen Bewusstseins besteht in einem Verhältnis zu einer Person, die rein geistig ist.

Ist die Gottperson eine abgegrenzte Wirklichkeit? Ihr Verhältnis zum Sein besteht durch Wollen und Macht. Insofern etwas zu etwas anderem das Verhältnis des Wollens oder der Macht hat, kann es nicht zum eigenen Sein gehören. Ausser, diese Macht beziehe sich bei einem Geist-Körper-Wesen, wie dem Menschen, auf den eigenen Körper.

Das Bewusstsein der Gottperson sei reiner Geist. Da sich aber ihr Wollen und ihre Macht nicht auf den reinen Geist beziehen kann, würde zum Bewusstsein der Gottperson Materie gehören. Es stellt sich die Frage: Welches ist der Zusammenhang des Wollens bei der rein geistigen Gottperson?

Rein geistig heisst, die Gottperson besteht nur aus Bewusstsein – allerdings Bewusstsein ohne Empfinden, Fühlen oder Wollen, denn diese sind an Materie gebunden und das würde die Reingeistigkeit zunichte machen.

Kann es etwas geben, das das, was es ist, ohne etwas anderes ist? Wenn nein, wäre Zusammenhang das ursprüngliche Prinzip des Seins. Die Theologen würden sagen, es gebe etwas, das das, was es ist, ohne etwas anderes ist, nämlich die Gottperson. Person ist allerdings undenkbar ohne etwas, worauf sie sich bezieht, das heisst, eine andere Person oder etwas, das nicht Person ist.

Wovon gehe ich aus? Von einem – rein geistigen, allmächtigen – Objekt oder meinem Bewusstsein? Vom Bewusstsein kann ich nicht abstrahieren, von einem rein geistigen, allmächtigen Objekt hingegen schon; dass ich von Bewusstsein nicht abstrahieren kann, bedeutet, dass es nicht Objekt sein kann (das ist der Sinn des Spruches von Descartes: Ich denke, also bin ich).

Geist – Sinn, Inhalt und Selbstverständnis des Menschen – kann dem Menschen quasi als Objekt gegenüberstehen, indem eine Gottperson als das Sein oder die Wirklichkeit gilt. Auf diese Weise steht dem Menschen das Ultimative und Massgebende oder das Höchste und Wertvollste – oder sein Sinn – als ein rein geistiges Objekt gegenüber, das Macht über ihn hat.

Zu einem Objekt – ob eingebildet oder real – kann das Verhältnis des Wollens, Macht, Unterwerfung, Glaubens usw. bestehen – wie steht das beim Bewusstsein? Zum Bewusstsein besteht nicht das Verhältnis des unbedingten Wollens oder der Befehlsgebung – sonst könnte man sich einfach befehlen, glücklich zu sein, und wäre es. Anhand des Bewusstseins können wir klar beobachten, wie sich Wollen und Macht von Wirken unterscheidet – denn das Bewusstsein kann zwar als gerichtetes zum Wollen werden, aber kaum als Dauerzustand; und wenn der gerichtete Zustand nicht mehr aufrechterhalten werden kann und der Mensch sich nicht mehr selber als Ursache fühlen kann, tritt das Bewusstsein als etwas Eigenes hervor, das man nicht kontrolliert. Natürlich ist zu etwas Bewusstem auch das Verhältnis von Aufnehmen, Empfangen, Einsehen, Wahrnehmen, Auf-sich-wirken-lassen möglich.

Das Verhältnis von Bewusstsein und Wirklichkeit. Bei der Gottperson hat diese Unterscheidung keinen Sinn, weil sie rein geistig ist. Beim Menschen hingegen ist Bewusstsein das Bewusstsein des Körpers: Sein Denken, Empfinden, Fühlen, Wahrnehmen. Durch den Körper empfindet, fühlt und nimmt das Bewusstsein das materielle Sein ausserhalb von ihm wahr.

Bewusstsein ist nicht nur etwas quasi «Technisches» (mentaler Wachzustand), sondern es hat die Fähigkeit zu bejahen und zu verneinen. Und dadurch Inhalte und Zusammenhänge anzunehmen oder zu verwerfen. In diesem Zusammenhang ist folgende Feststellung zum Verhältnis von Bewusstsein und Materie interessant: Niemand redet von Wahrheit und Falschheit der Materie, aber von Wahrheit und Falschheit der Ideen und Vorstellungen.

Was hat beim Menschen Wollen und Macht mit Wahrheit zu tun? Sie können mit Widersprüchen, Illusionen, Wahnideen, Betrug und Lügen verbunden sein. Bei der Gottperson hingegen müssen Wollen, Macht und Wirklichkeit in eins gesetzt werden – wie das mit Wollen und Person-sein vereinbart werden kann, ist ein schwerwiegendes theologisches Problem.

Der Zusammenhang der Gottperson mit dem Menschen ist Wollen und Macht – welches ist der Zusammenhang der Wirklichkeit mit dem Menschen? Der Zusammenhang der rein geistigen Gottperson mit einem Atom, dem Menschen oder Tier, Pflanze, Wasser, Feuer besteht durch Wollen und Macht. Der Zusammenhang der Wirklichkeit mit einem Atom, dem Menschen oder Tier, Pflanze, Wasser, Feuer besteht durch unendlich zusammenhängendes Wirken, was an sich schon das grosse Geheimnis ist.

Abschlussfrage: Kann etwas als Wahrheit gelten, das den Geist oder das Bewusstsein einschränkt?

Hinterlasse einen Kommentar