Womit stimme ich überein, womit mache ich eine Übereinstimmung oder woraus habe ich meine Identität?

Grundsätzlich hat der Mensch die Möglichkeit, entweder mit einem aufgespaltenen, eingegrenzten Sein eine Übereinstimmung und Einheit zu machen oder mit einem nicht aufgespaltenen, nicht abgegrenzten, unendlichen Sein. Im ersten Fall wird er das Sein und sich selber mehr als «Ding» wahrnehmen oder besser gesagt als zwei Objekte, die einander gegenüberstehen und im zweiten Fall mehr als Zustand: als ein Sein.

Kann der Mensch den inneren Frieden oder die Übereinstimmung mit sich selber finden, wenn er mit einem aufgespaltenen, eingegrenzten Sein eine Wesenseinheit macht und den anderen Teil von sich abspaltet? Zum Beispiel, wenn er eine Wesenseinheit mit Geist macht und die Materie von sich abspaltet oder eine Wesenseinheit mit seiner Abstammung macht und die anderen Völker für minderwertig hält. Stimmt der Mensch mit dem überein, was er ist, wenn er von sich die Idee hat, es gebe ein Wesen, das ihn über die anderen Menschen gestellt habe und er deshalb befugt sei, ihnen ihr Land wegzunehmen und ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen? Kann das Selbstverständnis eines Menschen adäquat sein, wenn es auf Widersprüchen, Wahnideen, Illusionen und Lügen basiert? Klar ist, dass widersprüchliche, illusionäre, lügenhafte Ideen dazu dienen, kurzfristig zu Befriedigung zu kommen oder Unbefriedigtheit zu vermeiden – allerdings bedeutet, sich durch seine Ideen in Widerspruch zur Realität zu stellen, eigentlich nichts anderes als die Verleugnung oder Herabwürdigung der Realität, das heisst, der anderen Menschen und des Kosmos. Widersprüche, Wahnideen, Illusionen, Lügen spalten die Welt oder das Sein auf – am folgenschwersten, wenn sie ideologisch oder religiös abgestützt sind.

Warum kann der innere Friede nicht durch Herabwürdigung oder ein Macht- oder Unterwerfungsverhältnis erreicht werden? Innerer Friede heisst, in sich selber ruhen: es ist ein Zustand, in dem der eigene Geist durch das kontemplative Erfahren der Welt, sich selber wahrnimmt, geniesst und würdigt. Die Übereinstimmung mit dem eigenen Geist kann insofern nicht stattfinden als das Denken und Fühlen der anderen Menschen und des Kosmos eingeschränkt wird.

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