Kann ein Verstand, der gegen Geist, das heisst, das Fühlen und Denken des Seins, arbeitet, Verstand genannt werden? Denken muss er wohl genannt werden.
Entscheidungen zu treffen, deren Folgen sich gegen einen selber wenden, zeugen nicht von einem grossen Verstand, würde man meinen. Ein zwanghafter Verstand oder zwanghaftes Denken – zum Beispiel fixe Feindvorstellungen – führen meistens zu diesem Ergebnis.
Hängen Denken – Verstand – und Wollen zusammen? Wenn jemand nur denken will, was seinem Ego schmeichelt, dann hat er einen eingeschränkten Verstand – dasselbe lässt sich von einem Gruppenego sagen (das wir zum Beispiel bei der jüdischen Abstammungsgemeinschaft finden). Es gilt dann quasi: Die Grenzen meiner Gruppe sind die Grenzen meiner – geistigen – Welt.
Woraus ergibt sich das Wollen? Einerseits aus den körperlichen Bedürfnissen, andererseits aus dem allgemeinen Streben nach Befriedigung. Was sich jemand als Befriedigung vorstellt, wird dann problematisch, wenn sie zu Lasten anderer Menschen geht – womit wir bei der Ethik wären.
Wozu jemand seinen Verstand oder sein Denken braucht, entscheidet über seine Ethik. Wird, wozu der Mensch sein Denken braucht, durch sein Denken oder sein Wollen entschieden? Gibt der Mensch seine Zustimmung zu Widersprüchen, Illusionen, Wahnideen und Lügen durch sein Denken oder sein Wollen? Klar ist, dass Widersprüche, Illusionen, Wahnideen und Lügen nicht die Sache, den Menschen, den Kosmos und die Zusammenhänge zwischen ihnen erfassen, sondern eine Art Phantom, etwas Übergestülptes oder Zurechtgestutztes. Das heisst, es wird nicht der Mensch oder der Kosmos gedacht und gefühlt – oder gewollt – sondern ein Zerrbild.
Die Idee des Gewollten. Empfinden, Fühlen, Wahrnehmen, Wollen hat insofern mit Denken zu tun als mit ihnen eine Idee verbunden ist: Die Idee des Empfundenen, Gefühlten, Wahrgenommenen, Gewollten. Wollen ist das Streben nach einer Veränderung des momentanen Zustandes. Ist die Idee oder Vorstellung des Gewollten – zum Beispiel die Vorstellung, die einen aus der Unbefriedigtheit herausführen soll – ein Denken oder ein Wollen, ist es Gedanke oder Empfindung?
Wollen ist das Empfinden oder Fühlen eines Spannungsverhältnisses in Richtung eines Realisierungsaktes. Die Idee oder Vorstellung des Gewollten ist formal ein Denken, materiell aber das, was als das Spannungsverhältnis auflösend gewollt, begehrt, bejaht wird. Denken ist allerdings die Instanz, die nicht nur die Idee oder Vorstellung liefert, sondern auch für ihre Beurteilung – wahr, falsch, tragfähig – zuständig ist.
Wollen ist ein Streben nach Befriedigung. Auf welchem Weg der Mensch nach Befriedigung strebt, hängt mit seinem Denken oder Verstand zusammen, das heisst, das Streben nach Befriedigung hat etwas mit Denken zu tun.
Was sagt der Verstand dem Menschen? Er solle Illusionen, Wahnideen und Lügen erzeugen, um sich so Befriedigung zu verschaffen? Und die Widersprüche, die sich daraus ergeben, sollen ebenfalls durch Aufwenden von Verstand verdeckt werden. Wer profitiert von dieser Anwendung des Verstandes? Die Befriedigung des Individuums, die eigene Gruppe, das Zusammenleben der Völker?