Hybris und Nemesis

Wo finden wir Hybris in der Weltgeschichte? Die Antwort, dort wo ganze Kulturen, Staaten oder Hegemonien untergegangen sind, greift wohl zu kurz. Interessant ist die Unterscheidung zwischen ideologischer und politischer Hybris beziehungsweise die Frage, ob eine Ideologie charakterliche Defizite bedient. Von welcher Ideologie sind zum Beispiel Donald T. und Benjamin N. geleitet – ist es eine Ideologie der Hybris und bestimmt sie die Politik dieser beiden dominanten Politiker unserer Zeit? Jedenfalls kennen sie das Gefühl, dass Menschen und Staaten als Objekte ihrer Macht existieren. Sich über andere Menschen und Staaten zu stellen, ist Hybris oder Hochmut.

Indem Menschen und Staaten und sogar der Kosmos als Objekte der Macht oder des Wollens existieren, stellt sich der Mensch über sie – was ist dann die Wirklichkeit, das Sein oder das Göttliche? Durch das Verhältnis der Macht nimmt der Mensch die anderen Menschen und die Dinge als etwas wahr, das dem eigenen Willen unterliegt, nicht als etwas, das das eigene Sein konstituiert, indem er sie fühlt und denkt. Existiert Wirklichkeit als etwas, über dem ich stehe oder existiert sie durch mein Fühlen und Denken von ihr?

Durch das Verhältnis der Macht oder des Wollens wird das eigene Existieren nicht als unendlicher Zusammenhang begriffen, das heisst, der Mensch begreift sich selber nicht als Teil eines unendlichen Zusammenhanges: Wirklichkeit wird zum abgespaltenen Objekt, dem der Mensch durch seinen Willen als etwas Absolutes gegenübersteht. ‘Die Wirklichkeit ist mein Produkt’, diese Auffassung zeigt die Beschränktheit des von Hybris Befallenen – denn er wird schwerlich denken können, sein Bewusstsein sei sein Produkt. Die Falschheit und der Betrug des Hochmütigen – von der Hybris Befallenen – liegen darin, dass er sein Fühlen und Denken der Objekte (Menschen und Kosmos) einschränkt. Sein Credo ist: Mein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit und die Abgrenzung. Hybris ist sozusagen die Göttin der willkürlichen Abgrenzung: Wir über ihnen, wir gegen sie.

Monster, Automat oder Maschinenmensch?

Ihr Geist bedeutet nicht Fühlen und Denken des Seins, sondern Fühlen und Denken von etwas, in dem sie das Absolute sind. Und dieses Absolute ist die Haltung, die sie gegenüber dem anderen einnehmen.

Der menschliche Automat ist entweder hochmütig oder unterwürfig: Entweder er stellt sich über die anderen oder unter sie, aber es kann kein Aufnehmen, Empfangen, Einsehen, Wahrnehmen, Auf-sich-wirken-lassen stattfinden – und somit keine Übereinstimmung mit dem Sein – weil es die Position des Absoluten ausschliessen würde. Das heisst, der menschliche Automat kann nicht eigentlich die anderen Menschen und den Kosmos – das Sein – erleben, sondern nur es beobachten, Vorgänge interpretieren, taktisch entscheiden. Er schaltet dem Fühlen das Denken vor und bestimmt sein Wahrnehmen selektiv – alles im Hinblick auf das Fortbestehen von sich selber als Absolutem. Er trennt die Ebenen von Denken, Fühlen und Wahrnehmen und ist somit ein gespaltener Mensch. Der menschliche Automat erlebt die Wirklichkeit – die Menschen und den Kosmos – als das, was er vorher in sie hineingelegt hat. Befriedigung und Lust kommen nicht aus der Übereinstimmung mit ihnen, sondern aus der Übereinstimmung mit seinem Willen: Die Wirklichkeit als Projektion des eigenen Egos.

Was will der menschliche Automat? Er will die Übereinstimmung mit dem Sein vermeiden – sei es aus Angst oder Hochmut, das heisst, er sucht ein geeignetes Versteck für seine menschliche Misere; sei es so spektakulär wie das von Donald T. und Benjamin N. oder so unauffällig wie das von Herrn oder Frau Niemand.

Wenn der Verstand dazu benutzt wird, den Geist einzuschränken, arbeitet der Verstand gegen den Geist. Streng genommen geht ein Verstand, der gegen den Geist arbeitet, Richtung Geisteskrankheit. Verstand kann losgelöst von Inhalt existieren oder angewendet werden – Geist hingegen ist mit Inhalt verbunden. Das heisst, der menschliche Automat kann ein hochentwickeltes Verstandeswesen sein und dabei völlig von Begierde, Hochmut oder Angst geleitet sein: Welches Verhältnis zu den anderen Menschen oder dem Kosmos ist damit verbunden oder welcher Inhalt? Allgemein gesagt, ein Verhältnis oder ein Inhalt, die nur sich selber oder die eigene Gruppe bejahen und keine Verbundenheit mit dem Sein bedeuten.

Ein gegenüber dem Geist vorziehender Verstand sucht quasi Inhalt ohne Inhalt – diese Qualität findet er exemplarisch oder in Reinkultur im Geld. Geld ist ideal für einen Verstand, der Kontrolle, Vergleichbarkeit, Verfügung, Macht sucht, ohne sich inhaltlich auf Menschen oder Dinge einzulassen.

Bedeutet Verstand, der über Geist gestellt wird, einen überbetonten Willen? Geist würde Aufnehmen, Empfangen, Einsehen, Wahrnehmen, Auf-sich-wirken-lassen bedeuten – wenn dieses Fundament fehlt, wodurch soll es ersetzt werden? Durch den Willen als eigenen Ausgangspunkt und die Welt als Realisierungsakt dieses Willens. Geld ermöglicht ein Besitz- oder Verfügungsverhältnis zu Sachen und Menschen, es ermöglicht eine Welt gemäss dem eigenen Willen: «Aller Dinge Inbegriff aber ist das Geld. Daher kommt es, daß der Geist der Menge am meisten von der Vorstellung des Geldes eingenommen wird; weil man sich kaum irgendeine Art der Lust vorstellen kann, mit welcher nicht die Idee des Geldes als Ursache verbunden wäre (Spinoza).» Daraus wird die Faszination ersichtlich, die dieses Objekt aller Objekte auf Menschen ausübt, die den Verstand über den Geist stellen. Finden wir dieses Prinzip in der Natur – wohl kaum, weil in der Natur Absprachen nicht möglich sind und sie kein Geld annimmt.

Wessen Sache Diener ist ein menschlicher Automat? Womit fühlt er sich verbunden? Er lebt in einer abgegrenzten Welt, äusserlich unauffällig oder wie Donald T. und Benjamin N. . Sie funktionieren nach einer eingeschränkten Eigengesetzlichkeit, eingeschlossen oder abgeschlossen in sich selber. Technisch gesprochen, könnte man sie als ‘ROM’s’ (read only memory), im Gegensatz zu ‘RAM’s’ (random access memory) bezeichnen. Die ‘ROM’s’ sind dadurch charakterisiert, dass sie von etwas Absolutem ausgehen, das eigentlich nur sie selber sind, mit dem sie sich identifizieren und das zugleich der Gesichtspunkt ist, unter dem sie alles fühlen, denken, betrachten, wahrnehmen; das heisst, beim ‘ROM’ würde es sich eigentlich um einen Fundamentalisten handeln, dessen Fundament aber versteckt, unspektakulär oder banal sein kann. Das Gegenstück wäre der ‘RAM’, der effektiv in der Aktualität lebt und äussere Einflüsse in Echtzeit zulässt. Den ‘ROM’ könnte man mehr oder weniger mit dem Maschinenmenschen gleichsetzen.

Was hat der menschliche Automat, oder der von Hybris Befallene, der Welt zu bieten? Falschheit, Aufspaltung, Einschränken des geistigen oder materiellen Seins. Wer hat Interesse an solchem? Wer hat ein Interesse, Machtobjekt von Irren zu sein? Es sind diejenigen, die sich in der Formel ‘wir über ihnen’, ‘wir gegen sie’ am wohlsten fühlen – ist das die Mehrheit der Menschheit? Das Wesen des menschlichen Automaten oder die Hybris wecken Gegenkräfte – die Nemesis.

Hybris ist eigentlich das Verneinen der Einheit des Menschen mit dem Sein – damit ist die Nemesis vorgezeichnet. Das Sich-stellen über andere Menschen und Staaten ist grundsätzlich Schein und Leere – denn Abgrenzung ist noch kein Inhalt und die Verneinung der Einheit mit dem Sein kann nur durch einen Scheininhalt ersetzt werden. Hybris ist endlose Abgrenzung und endlose Verweigerung von echtem Austausch mit den anderen Menschen. Was also will Hybris oder Hochmut hervorbringen, produzieren, wie will sie das Sein gestalten, wenn alles nur der Verewigung einer Abgrenzung und dem Verhindern von echtem Austausch dienen soll? Der einzelne Mensch, die Gesellschaften und die Staatswesen schreiten unweigerlich fort – entweder in der Richtung Aufspaltung oder in der Richtung Einheit des Menschen mit den anderen Menschen und dem Kosmos.

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