Die Rede von der ‘Subjekt-Objekt-Spaltung’

Der Ausdruck ‘Idee-Objekt-Spaltung’ würde wohl den meisten absurd vorkommen – weil Idee und Objekt eine Einheit bilden, handle es sich um die Idee eines Engels, Apfels oder Dornröschens. Der Ausdruck ‘Subjekt-Objekt-Spaltung’ hingegen wirkt nicht absurd, weil unter Subjekt der physische Mensch mitgedacht wird und so automatisch eine – räumliche, materielle, körperliche – Abgrenzung zum Objekt suggeriert wird.

Von Spaltung redet man dann, wenn ein Ding, Sache, Person gespalten ist oder gespalten wird. Was wird bei der ‘Subjekt-Objekt-Spaltung’ gespalten? Ist es der Mensch? Dann würde das Sprüchlein heissen: Der Mensch ist gespalten in Subjekt und Objekt – was eine sehr dubiose Aussage bedeutet.

Idee, Vorstellung, Wort, Empfindung, Gefühl oder Bewusstsein bestehen in der Einheit einer Subjekt- und Objekt-Seite. Die «Erkenntnistheoretiker» (Vertreter einer ‘Subjekt-Objekt-Spaltung’) können diesen Satz allerdings nicht gutheissen, weil für sie Bewusstsein – und somit Denken – schon vor einem Objekt existiert: Sie können auf diese Weise Bewusstsein und Denken ohne Körper, Empfindung und Gefühl existieren lassen – was ganz der religiösen Tradition entspricht, von der sie herkommen.

Die zentralen Begriffe der Erkenntnistheoretiker oder Vertreter einer ‘Subjekt-Objekt-Spaltung’: reines Subjekt, reine Vernunft, reines Bewusstsein, Ding-an-sich, Vermittlungsproblem, Innenraum vs. Außenwelt, epistemische Distanz. Für sie ist Bewusstsein primär „repräsentierendes Bewusstsein“, „innerer Raum“ oder „Container“, die die Aussenwelt, das heisst, die Objekte, repräsentieren, abbilden oder erkennen.

Was ist das Ich für die Erkenntnistheoretiker oder Vertreter einer ‘Subjekt-Objekt-Spaltung’? Bewusstsein kann als rein intelligibel, quasi emotionslos verstanden werden, während das beim Ich weniger gut möglich ist, da ein Ich ohne Wollen nur temporär vorstellbar ist. Ausserdem bedeutet Ich Individuum und Individualität, während Bewusstsein mehr ein Allgemeines ausdrückt. ‘Ich’ muss sich verhalten, ist in einer Situation – was bei Bewusstsein im allgemeinen Sinn nicht im Vordergrund steht.

Anstatt Subjekt-Objekt-Spaltung kann man auch Person-Objekt-Spaltung sagen – dann tritt der Umstand offen zutage, dass Person-sein (Bewusstsein) ohne Objekt behauptet wird bzw. nur mit einem rein geistigen Objekt. Es tritt offen zutage, was die Rede von Subjekt-Objekt-Spaltung eigentlich behauptet: Es bestehe ein Bewusstsein ohne Körper, ohne Empfindung und ohne reale Welt. Diese Behauptung ist ausserdem der Ursprung des «Universalienstreits» und des sogenannten «Leib-Seele-Problems».

Welchen Sinn hat die Rede, etwas sei von etwas anderem gespalten – das Subjekt vom Objekt – wenn das Subjekt durch das Objekt erst wird? Kann es für ein Lebewesen «Dinge» – Abgegrenztes, Unterschiedenes – geben, wenn sie nicht in seinem Geiste sind, das heisst, als Vorstellungen, Ideen, Worte, Begriffe existieren?

Vorstellungen, Ideen, Begriffe, Empfindungen, Gefühle sind geistig in dem Sinne, dass sie ohne Ausdehnung sind – aber sie sind an etwas Materielles – Ausgedehntes – gebunden, an den eigenen Körper, materiell existierende Objekte oder an Assoziationen von solchen: Bewusstsein ohne Materie, reinen Geist, reine Begriffe oder einen rein geistigen Gott anzunehmen, bedeutet eine Aufspaltung der Einheit der Wirklichkeit oder eine Aufspaltung der Einheit des Menschen.

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