Die Probleme, die entstehen, wenn Gott oder Geist zu einem abgegrenzten Objekt gemacht werden

Wollen bedeutet, Streben nach einer Veränderung. Wenn Gott als unveränderlich, ohne Möglichkeit der Veränderung, als reine Aktualität («actus purus») behauptet wird, die mit Raum (Ausdehnung) und Zeit (Veränderung) nichts zu tun habe, dann bedeutet das, dass Gott keine Person ist und es bedeutet, dass es etwas gibt, was er nicht ist. Beides dürfte Thomas von Aquin nicht gefallen.

Der Unterschied zwischen Wollen und Ursache. Wollen kann in eine Wirkung münden, muss aber nicht. Ursache und Wirkung hingegen bilden eine Einheit. Alles, was existiert, ist ein Zusammenhang oder eine Einheit von Ursache und Wirkung. Ist die Gottperson Wollen (Wille) oder Ursache? Jedenfalls besteht zwischen dem Wollenden und dem, was er will, ein Zusammenhang, das heisst, Wollen ist nicht voraussetzungslos – was bedeuten würde, dass die Gottperson nicht voraussetzungslos ist. Gibt es eine voraussetzungslose Ursache? Es wäre eine Ursache, die nicht auf eine Wirkung angewiesen wäre – eine Ursache ohne Zusammenhang. Beim Menschen herrscht keine Identität zwischen Wollen und Ursache, deshalb können sie gut auseinandergehalten werden. Wenn in Gott Ursache und Wille identisch sind, dann gibt es strenggenommen gar keinen Willen. Auch das dürfte Thomas von Aquin nicht gefallen.

Weitere Probleme, die daraus entstehen, Gott oder Geist zu einem abgegrenzten Objekt zu machen:

– Gott als rein geistig zu behaupten, bedeutet, dass in Gott die Materie nur als Begriff existiert – sich die Macht Gottes als Macht über Begriffe vorzustellen, ist allerdings etwas dürftig.

– Wie lassen sich die göttlichen Eigenschaften Güte und Liebe, die Gefühle sind, unter rein geistiges Sein, das heisst, rein begriffliches Sein subsumieren?

– Um Gott rein geistig behaupten zu können, muss ein Innerhalb Gottes angenommen werden, in dem Gott nur die Ursache von sich selber ist (immanente Ursache) und das folglich rein geistig sei – und ein Ausserhalb Gottes, in dem Gott die Ursache von etwas ausserhalb von ihm ist (übergehende Ursache) und das folglich nicht rein geistig sei. Beim Innerhalb Gottes handle es sich um Gott selber, beim Ausserhalb Gottes aber um das Universum oder Materie. Wo liegt der Haken oder Widerspruch bei dieser Darlegung? Mein Vorschlag: Fragen Sie die KI Ihrer Wahl. Es handelt sich um die scholastische Unterscheidung von causa immanens und causa transiens.

Was ist das Objekt des rein Begrifflichen, das heisst, rein Geistigen oder eines transzendenten Wesens? Wenn man die Worte ‘Denken’ und ‘rein begriffliches Sein’ in den Mund nimmt, würde man meinen, dass es sich um etwas Sprachgebundenes handelt – auch wenn es von einem rein geistigen, ‘transzendenten’ Wesen ausgesagt wird. Von der Gottperson als einem sprachgebundenen Wesen zu reden, mutet allerdings recht irdisch an und könnte an den erhabenen, illusionären Vorstellungen einer Gottperson kratzen. Es könnte sogar der Gedanke auftauchen, dass es sich bei der Idee einer rein geistigen Person um geistigen Nonsens handelt.

Ein rein geistiges Wesen, dem Wollen oder Macht beigelegt werden. Macht oder Wollen bedeuten auf jeden Fall eine Zweiheit: Dieses Wesen selbst und das, worauf sich sein Wollen oder seine Macht beziehen bzw. das, was es anders haben möchte. Wollen ist auf die Zukunft gerichtet und bedeutet, nicht realisiertes Sein. Wenn Macht mit Sein identisch wäre oder Ursache und Wirkung in eins fallen würden, gäbe es keine Person mehr, die sie ausübt. Im Christentum besteht die Rolle Gottes gerade darin, die Ordnung der natürlichen Zusammenhänge zu durchbrechen, zum Beispiel durch Wunder oder seinen persönlichen Eingriff, wenn ein Gebet erhört wird. Man könnte meinen, dass Thomas von Aquin mit seiner Lehre des «actus purus» in Gegensatz zur kirchlichen Lehre oder zum Papst geraten sein könnte – was nach seinem Tode tatsächlich der Fall war, aber später erlangte er den Status des «Chefideologen» der katholischen Kirche.

Der Clou der semitischen Religion ist, dass das Göttliche, Höchste und Wertvollste ein abgegrenztes Objekt sein soll, das angebetet werden soll: Der Sinn und Zweck des Menschen liege nicht im Denken, Fühlen und Wahrnehmen des Seins – nicht in der Verknüpfung des eigenen Seins mit der Wirklichkeit – sondern in der Verknüpfung des eigenen Seins mit einer Wirklichkeit über der Wirklichkeit.

Es stellt sich die Frage, ob ‘göttlich’ nur den Sinn hat, Synonym zu sein von: überirdisch, rein geistig, allmächtigem Wollen und einer entsprechenden Person? Wenn das Wort ‘göttlich’ das Wunderbare des Seins ausdrückt und zugleich den Gegensatz zu dem, was das Sein herabwürdigt – das heisst, Falschheit und Hochmut, personifiziert durch Satan –, dann ist das Bewusstsein des Seins selber göttlich. Wir sind hier bei der Philosophie Spinozas.

Diejenigen, die das Göttliche als überirdisch, rein geistig, allmächtiges Wollen und eine entsprechende Person statuieren, haben ein Interesse daran, Denken oder Bewusstsein als bloss instrumentell zu betrachten, weil ihr Gott als Herrschaftsinstrument überflüssig werden könnte, wenn das Sein selber göttlich wäre und somit sein Denken, Fühlen und Wahrnehmen.

Sinn oder Selbstverständnis durch Verehrung einer Wirklichkeit über der Wirklichkeit. Was könnte der Grund dieser Sinngebung sein? Für viele Menschen ist es eine grosse Versuchung, reale Zusammenhänge durch irreale, widersprüchliche, illusionäre, lügenhafte zu ersetzen – nicht vergessen sollten wir, dass der Hintergrund auch politisch sein kann, denn einer «Wirklichkeit über der Wirklichkeit» kann alles beigelegt werden, was politisch oder für die eigene Gruppe als erstrebenswert gilt.

«Reiner Geist» in der Philosophie – ein Ausfluss der jüdisch-christlichen Religion? Bedeutet die Statuierung von etwas rein Geistigem nicht die Statuierung von reiner Materie? Und somit das Problem der Vermittlung zwischen ihnen? Für die jüdisch-christliche Religion ist diese Vermittlung in gewisser Weise kein Problem, weil das rein Geistige bei ihr zugleich Wille und Macht ist, die die reine Materie erst hervorgebracht haben. Wenn allerdings die Materie oder das Universum nicht mehr auf den rein geistigen Willen und Macht einer Gottperson zurückgeführt werden und die abendländische Philosophie sich immer noch in den Fussstapfen dieser Religion bewegt, indem sie die Vorstellung von etwas rein Geistigem hat, das einer reinen Materie gegenüberstehe, dann ist sie wie ein Selbstläufer, der auf eine nicht mehr existierende Welt bezogen ist.

Ist Kants ‚Ding an sich‘ ein Ausfluss der Aufspaltung des Seins in reinen Geist und reine Materie? Kant ist Empfinden und Fühlen und wenn er zum Beispiel einen köstlichen Apfel isst, dann kann er diesen Apfel zum Gegenstand seiner Erkenntnis machen – aber der köstliche Apfel wird dadurch verschwinden, ebenso wie der fantastische Sonnenaufgang, den er erlebt hat. Kant kann das gesamte Sein zum Objekt machen: Er hat dann den Standpunkt eines absoluten Subjekts eingenommen, das einem absoluten Objekt gegenübersteht – aber das Sein hat er verpasst.

Gibt es ein Streben nach Erkenntnis, das das eigene Sein einschränkt, das heisst, das eigene Empfinden, Fühlen, Wahrnehmen, Denken? Für mich wäre Erkenntnis etwas, das mein Fühlen, Denken, Wahrnehmen des Kosmos und des Menschen ausweitet.

Was stellt sich Kant als Ergebnis des Erkennens eines Dings an sich vor: mathematische Gleichungen, Worte, Sätze, Zahlen? Vielleicht sollte sich Kant bewusst sein, dass die Attraktion des Seins nicht das ist, was Kant über das Sein herausfindet, sondern das Sein – der Kosmos – selber.

Sind Kants Bemühungen, das Ding an sich zu erfassen, nicht sein Wunsch, das Sein zu erfassen? Ein Ding ist allerdings etwas Abgegrenztes, Getrenntes, Separates – ist Kant der Meinung, er könne die Wirklichkeit oder das Sein als etwas Abgegrenztes, Getrenntes, Separates, das heisst, als ein Objekt, das dem Menschen gegenübersteht, erfassen? Es würde sich um eine Analogie zum jüdisch-christlichen Gott handeln, der dem Menschen ebenfalls als etwas Abgegrenztes, Getrenntes, Separates, das heisst als Objekt gegenübersteht und zugleich für das Sein oder die Wirklichkeit selber gehalten wird.

Mit der Idee eines «Dinges an sich» ist ein Standpunkt ausserhalb des Seins verbunden – ein rein geistiger Standpunkt. Wenn Kant sich selber als Zusammenhang von Materie und Geist verstehen würde, könnte er gar nicht die Idee haben, er könne einen Standpunkt ausserhalb der Materie einnehmen und von diesem aus, ein materielles Ding anblicken und durch mathematische Gleichungen, Worte und Zahlen erfassen, wie es – an sich – sei. Subjekt, Objekt, Wirklichkeit, Ding sind – unendlicher – Zusammenhang; Kant hingegen meint, er sei Kant und dann würden noch die Dinge oder das materielle Sein hinzukommen.

Wovon denkt sich Kant abhängend und womit zusammenhängend? Wenn es eine rein geistige, wollende, allmächtige Gottperson ist, dann wird er sich letztlich als rein geistig betrachten und von diesem Standpunkt aus werden die Dinge, Kosmos und Menschen für ihn existieren.

Zu Ding gehört, dass es gegen etwas anderes – gegen andere Dinge – abgegrenzt ist. Ein Stein zum Beispiel ist etwas Endliches, Abgegrenztes und er kann zerstört werden, das heisst, er kann sein oder nicht sein – aber, um ihn zu erfassen, muss all das gedacht werden, ohne was er nicht sein kann – die Voraussetzungen oder Zusammenhänge damit er sein kann, sind unendlich. Um sich selber oder einen Stein zu erfassen, müsste Kant all das denken, wovon er abhängt und womit er zusammenhängt. Für Kant allerdings ist ein Ding ein isoliertes Etwas – ein Ding an sich.

Geist, Denken, Empfinden, Fühlen, Bewusstsein ist ohne Ausdehnung – Materie ist räumlich ausgedehnt. Die Wirklichkeit, das Sein wird als Zusammenhang von Geist und Materie erlebt. Problematisch für den Verstand wird es dort, wo etwas rein Geistiges in Form einer Wirklichkeit über der Wirklichkeit behauptet wird.

Welchen Zusammenhang hat das «rein Geistige»? Bedeutet ‘reingeistiges Objekt’, dass das Objekt nur im Geiste existiert? Eine Idee oder ein Objekt wird durch ein Wort ausgedrückt. Natürlich ist das Wort Lampe zum Beispiel weniger spektakulär als das Wort Gott. Deshalb, weil es sich beim Objekt Lampe um einen materiellen, ausgedehnten Gegenstand handelt, der klar vom eigenen Bewusstsein abgegrenzt ist und ausserdem keine Meinungsverschiedenheiten über seine Definition bestehen, das heisst, die Übereinstimmung – oder Nicht-Übereinstimmung – von Idee und Objekt kann klar erkannt werden: Wenn jemand sagt, eine Lampe sei ein Gegenstand, der grün sei und zwei Beine habe, wird man ihm sagen, seine Idee stimme nicht mit ihrem Objket überein.

Der Zusammenhang der Idee mit ihrem Objekt. Wenn ein Objekt behauptet wird und die Übereinstimmung – oder Nicht-Übereinstimmung – der Idee mit dem Objekt kann nicht festgestellt werden, handelt es sich um geistigen Nonsens (widersprüchliche Idee, Wahnidee). Objekt ist das, wovon etwas ausgesagt wird. Wie sind Aussagen über ein Objekt zu beurteilen, das eine Wahnidee ist – zum Beispiel einem rein geistigen Objekt? Wohlverstanden, ein Wort für dieses rein geistige Objekt – das dadurch existiert, dass es mit nicht rein geistigen Assoziationen verbunden ist – muss vorhanden sein, zum Beispiel wird von vielen, die etwas rein Geistiges lehren, das Wort Gott (Gottperson) dafür benutzt.

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