Der eigene Zusammenhang als Akt des Wollens?

Wenn eine Frau sich mit einem Mann zusammentut oder umgekehrt, dann könnte man, mehr oder weniger sagen, es entstehe ein Zusammenhang aufgrund des Willens. Gibt es auch Zusammenhänge, die gar nicht dem eigenen Willen unterliegen? Zum Beispiel der Zusammenhang des Menschen mit Sonne, Erde, Wasser – es könnte sich dann nur um ein Aufnehmen, Einsehen, Wahrnehmen dieses Zusammenhanges handeln. Interessiert sich Religion für den Zusammenhang des Menschen mit Sonne, Erde, Wasser? Für die Naturreligion und die griechisch-römische Antike bildeten sie den Ausgangspunkt und den Rahmen der Wirklichkeit oder des Seins – dieser Weltanschauung bereitete die jüdisch-christliche Religion ein Ende, indem sie etwas über den Kosmos stellte: eine rein geistige Gottperson. Religion bestand fortan nicht mehr in Aufnehmen, Einsehen, Wahrnehmen, sondern in Unterwerfung unter eine rein geistige Person: Das heisst, das, was als eigener Zusammenhang (Sinn, Bedeutung) gedacht und gefühlt wird, ist ein Produkt des Willens.

Die ideologische oder religiöse Festlegung des Zusammenhangs des Menschen. Die jüdische Religion ersetzte die religiöse Bedeutung des Zusammenhanges des Menschen mit dem Kosmos und der Menschen untereinander durch den Zusammenhang des Menschen mit einer Wirklichkeit über der Wirklichkeit.

Wenn das, wovon ich abhängig bin und womit ich verbunden bin, das Produkt meines eigenen Willens ist, welche Eigenschaften sollte dieses Produkt haben? Es soll etwas über der Wirklichkeit (= Kosmos plus Menschheit) sein, so dass ich auf diese herabsehen kann, und es soll meine Gruppe über die anderen Menschen stellen – das ist die Antwort der jüdischen Religion.

Ist es der Wille, der bestimmt, dass 2 plus 3 = 5 ist? Wenn das Wollen Wahrheit finden will – die Übereinstimmung von Idee und Objekt – dann findet es einen Zusammenhang, der nicht auf den eigenen Willen zurückgeht; und darin würde eigentliche Religion oder ein entfalteter Geist liegen.

Wollen ist erstens auf die Zukunft und zweitens auf ein Objekt gerichtet. Wenn es sich beim Objekt um eine Wirklichkeit über der Wirklichkeit handelt, kann das Verhältnis zu ihm nur das des Wollens (Glauben, Hoffen) sein, weil es sich nicht um Wahrnehmen oder Einsehen handelt. Ist der Zusammenhang des Menschen oder anders gefragt, ist das Sein oder die Wirklichkeit ein Objekt, auf das der Mensch mit seinem Willen gerichtet ist? Das Sein oder die Wirklichkeit kann nicht Objekt sein, weil es das Objekt nicht gibt ohne das Subjekt oder umgekehrt, weil es das Subjekt ohne das Objekt nicht gibt – sei es im Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Wollen, Handeln. Daraus folgt, dass Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Wollen, Handeln nicht bloss instrumentell sind, sondern selber Ausdruck des Seins oder die Wirklichkeit sind.

Was ist das Wertvolle? Wird es dadurch bestimmt, wovon ich abhänge und womit ich zusammenhänge? Jedenfalls wäre es für einen Menschen oder eine Gruppe höchst unbefriedigend, von etwas abzuhängen und mit etwas zusammenzuhängen, das wertlos ist – aber Macht hat über einen. Für die Menschheit ist es betrüblich, dass das, wovon sie abhängt, der allmächtige Gott der Juden ist, der dieses Volk über die Menschheit erhoben hat. Wie soll die Menschheit damit umgehen?

Was ist das Wertvolle und Wahrheit für eine Gruppe, für die das Wertvolle und Wahrheit etwas ist, das sie hat und die anderen nicht haben: Für sie ist das Wertvolle nicht das, was alle haben – der menschliche Geist – und nicht das, worin alle sind – der Kosmos. Als was versteht sich der Hochmütige, wenn sein Selbstverständnis nicht aus dem allen Menschen gemeinsamen Geist kommt und aus dem, worin alle sind, das heisst, dem Kosmos?

Worin würde die Bedeutung eines exklusiven Gottes noch bestehen, wenn diejenigen, über die er die bevorzugte Gruppe gesetzt hat, verschwunden wären? Womit wären die Angehörigen dieses Gottes noch beschäftigt, was würde ihnen ihren Sinn und ihr Selbstwertgefühl geben? Wenn der Lebensinhalt die Pflege der Abgrenzung zu anderen Menschen ist, was würde dann noch als Lebensinhalt bleiben, wenn diese anderen nicht mehr da sind: Es könnte die Frage auftauchen, wer man jenseits dieser Abgrenzung eigentlich ist? Wenn der Lebensinhalt Abgrenzung ist, woraus anderem besteht er dann, als aus dem Gefühl der Überlegenheit oder Macht gegenüber den Aussenstehenden, verbunden mit der Unterwerfung gegenüber einem ideologischen oder religiösen Dogma plus Kuschelgruppe?

Das Erleben des Seins als Aufspaltung ist etwas anderes als das Erleben des Seins als Einheit. Aufspaltung bedeutet eigentlich nichts anderes, als den eigenen Sinn oder Selbstwertgefühl durch das Herabsehen auf einen anderen Teil der Wirklichkeit zu gewinnen. Wenn mit dem Sein eine Einheit gemacht wird, ist das nicht möglich. Beispiele von Aufspaltung: Geist wird über die Materie gesetzt; es wird eine Wirklichkeit (Gottperson) über die Wirklichkeit gestellt; eine Gruppe grenzt sich gegen die anderen Menschen ab (z.B. aufgrund der Abstammung); natürlich können diese Beispiele auch in Kombination vorkommen.

Wer Herrschaft oder Betrug anstrebt, muss die Welt aufspalten und Geist diskreditieren. Er muss die Menschen in einen Glauben versetzen und die Anwendung ihres Verstandes und Entfaltung ihres Geistes verhindern, er sagt ihnen zum Beispiel: Das Höchste und Wertvollste, sei für den menschlichen Geist unerreichbar und sie könnten daraus ersehen, wie dürftig und arm er sei – das Höchste und Wertvollste sei nur durch das Verhältnis der Unterwerfung, des Gehorsams und des Glaubens zu erreichen. Das heisst, wer Herrschaft oder Betrug anstrebt, muss etwas statuieren, das dem Verstand nicht zugänglich ist, aber an das alle glauben müssen – weil sie sonst zum Beispiel nicht zu den Guten gehören würden oder das ewige Heil verlieren.

Der grössere Rahmen der Herrschafts- oder Betrugsideologie oder entsprechender Religion ist folgender: Nominell definiere ich mich über eine Wirklichkeit über der Wirklichkeit (Gottperson) oder einen ethischen Slogan, durch die ich meine Sonderstellung begründe und real kommen die Emotionen von denen, die ich durch diesen Trick beherrsche. Das heisst: Der andere Mensch existiert als Objekt, durch das ich mit meinem Willen verbunden bin oder auf das ich mit meinem Willen gerichtet bin.

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