Das Problem bei dieser Art Sinnfindung besteht darin, dass durch ein Unterwerfungs- oder Machtverhältnis keine Übereinstimmung mit dem Sein stattfindet: Übereinstimmung mit dem Objekt könnte durch Aufnehmen, Empfangen, Einsehen, Wahrnehmen, Auf-sich-wirken-lassen bestehen – bei Unterwerfung und Macht hingegen besteht das Verhältnis zum Objekt durch Wollen. Dass ein Machtverhältnis ein Verhältnis des Wollens ist, ist klar – aber warum ist ein Unterwerfungsverhältnis ein Verhältnis des Wollens? Weil Gehorsam und Glauben als auch Hoffen nicht ein Wahrnehmen oder Einsehen sind, sondern Willensakte.
Wollen ist Streben nach einem Realisierungsakt. Worin besteht der Realisierungsakt beim Machtverhältnis und worin beim Unterwerfungsverhältnis? Beim Machtverhältnis in der Aufhebung der Eigenständigkeit der Betroffenen (Menschen oder Staaten) – ihr Existieren ist nur noch äusserlich. Beim Unterwerfungsverhältnis kann der Realisierungsakt in einer Erlösung (ewiges Leben), Erfüllung eines Wunsches oder der Gewährleistung eines erfolgreichen Machtverhältnisses gegenüber anderen Menschen bestehen. Ein Realisierungsakt, der im Wahrnehmen und Würdigen des Objekts bestände, würde nicht Getrennt-sein vom Objekt bedeuten, sondern Übereinstimmung mit ihm: Subjekt und Objekt würden einen Zustand bilden: Der menschliche Geist wäre nicht getrennt vom Objekt, sondern hätte es in sich aufgenommen: Der Geist könnte sich selber wahrnehmen, geniessen und würdigen.
Womit stimmt die illusionäre Selbstüberhöhung – Hochmut – überein? Zum Beispiel mit Unterwerfung und Macht: Zwei Haltungen, die erlauben, aus den unendlichen Zusammenhängen der Wirklichkeit zwei abgegrenzte Wirklichkeiten zu machen. Damit, eine Wirklichkeit über die Wirklichkeit zu stellen – einen Gott, sich selber oder die eigene Gruppe – wird eine gewisse Überlegenheit über die Wirklichkeit erreicht: Ein willkürlich abgegrenztes Sein oder Existieren: Der abgegrenzte Teil wird zum Instrument, sich selber zu überhöhen. Womit besteht auf diese Weise eine Wesenseinheit oder Identität? Mit Menschen der eigenen Gruppe, deren Identität es ist, von den Zusammenhängen des Kosmos und der Wahrheit der anderen Menschen abgegrenzt zu sein, wie man selber.
Illusionäre Selbstüberhebung – Hochmut – ist nicht autark, sondern auf das angewiesen, wovon sie sich abgrenzt: Das heisst, den Betroffenen (Menschen oder Staaten) wird durch diese Seinsweise eine Rolle zugewiesen, die für sie unerfreulich oder fatal ist.
Der Mensch stimmt mit seinen Vorstellungen oder Ideen überein – aber seine Vorstellungen oder Ideen stimmen nicht unbedingt mit der Wirklichkeit überein. Leider kann das Sein oder die Wirklichkeit – der Kosmos und der Mensch – durch Vorstellungen oder Ideen, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen, nicht aufgewertet werden, sondern nur abgewertet oder entwürdigt. Womit bildet der Mensch eine Einheit, wenn er eine Einheit mit widersprüchlichen, illusionären oder lügenhaften Vorstellungen bildet? Mit Emotionen, die ihm gefallen.
Wenn für einen Menschen das Höchste und Wertvollste seine Gruppe oder eine Gottperson ist – was ist dann für ihn die Wirklichkeit? Er macht eine Aufspaltung, das heisst, eine Wesenseinheit oder Identität mit einem abgegrenzten Sein. Welches Verhältnis ergibt sich dadurch zum anderen Teil der Wirklichkeit – zum Sein ausserhalb seiner Gruppe oder ausserhalb der Gottperson? Anders gefragt: Was ist für die Gruppe oder die Gottperson das Sein, von dem sie sich abgrenzen? Es ist Gegenstand der Macht bzw. Objekt der Geringschätzung oder Feind.
Die Wirklichkeit kann als Fluss (Zustand) oder als Objekt aufgefasst werden. Wenn das Sein als Zusammenhängen von Objekten – Dingen, Wesen, Menschen – aufgefasst wird, bedeutet es einen Zustand (Fluss). Diese Art, die Wirklichkeit oder sich selber aufzufassen, bedeutet eine Aktivität des Geistes, nicht eine des Willens. Aktivität des Geistes bedeutet, Realisieren seines Zusammenhangs – dadurch kann sich der Mensch nicht als das Absolute erfahren. Als das Absolute erfahren, kann er sich durch seinen Willen, den Willen einer Gruppe oder den Willen einer Gottperson, die sie über die anderen Menschen stellt. Um zur Wirklichkeit – dem Kosmos und den Menschen – das Verhältnis der Überlegenheit haben zu können, muss sie aufgespalten werden: Durch den Willen einer Gottperson oder den eigenen.
Kann der innere Friede gefunden werden, wenn das Höchste und Wertvollste ein Objekt ist, zu dem ein Verhältnis des Wollens oder Unterwerfung besteht? Kann der eigene Geist in sich selber ruhen, wenn der Mensch mit seinem Wollen – mit Angst, Hoffnung, Machtgelüsten oder Gehorsam – auf ein Objekt gerichtet ist? Worin kann der eigene Geist auf diese Weise ruhen, was geniesst er oder nimmt er wahr?