Ein Lebenssinn, der darin besteht, etwas zu haben, das die anderen nicht haben

Worin kann ein Lebenssinn bestehen, von dem die anderen Menschen ausgeschlossen werden? Es wäre etwas, das man selber – oder die eigene Gruppe – hat und die anderen Menschen nicht haben. Zum Beispiel die Abstammung oder ein Gott, der eine bestimmte Abstammung bevorzugt. Was ist die Folge davon, wenn Selbstverständnis und Selbstwertgefühl (Lebenssinn) aus etwas kommen, das von den anderen Menschen abgrenzt? Wenn der Lebenssinn in etwas besteht, von dem die anderen Menschen ausgeschlossen sind, kann er nicht im menschlichen Geist bestehen oder in dem, worin alle Menschen verbunden sind.

Was ist Geist? Geist ist Bewusstsein und insofern Körper-Bewusstsein und Welt-Bewusstsein. Das Ich ist allerdings nicht eine Abbildung der Welt, sondern ein Sich-stellen zu ihr: Bejahung und Verneinung und Handeln aufgrund von Affekten, Denken und Sprache. Widersprüche, Illusionen und Lügen wird niemand mit Geist gleichsetzen, sondern mit Mangel an ihm. Für einen entfalteten Geist bestehen der Kosmos und die anderen Menschen als Aufnehmen, Empfangen, Einsehen, Wahrnehmen, Auf-sich-wirken-lassen und der Geist ist um so erfüllter und reicher, je mehr er fähig ist, sie wahrzunehmen und einzusehen. Die Befriedigung kommt aus dem Fühlen der Einheit oder Verbundenheit mit ihnen – in seiner höchsten Form ist Geist das Fühlen einer Identität mit dem Sein.

Was geniesst der Mensch, wenn er seinen Geist einschränkt? Genuss heisst Übereinstimmung. Womit stimmt der Mensch überein, wenn er seinen Geist einschränkt, das heisst, sein Fühlen und Denken der anderen Menschen und des Kosmos? Einfach gesagt, mit einer eingeschränkten Wirklichkeit. Womit macht der Mensch eine Übereinstimmung, wenn er die anderen Menschen und den Kosmos zielgerichtet und durch selektive Wahrnehmung unter sich stellt oder wenn er sich einer Wirklichkeit über der Wirklichkeit – einem sogenannten Gott – unterwirft? Wenn keine Übereinstimmung mit dem Objekt der Freude da ist, woher soll dann die Freude kommen? Nehmen wir folgenden Fall: Eine Gruppe findet die Aussenstehenden minderwertig, aber sie beschäftigt sich Tag und Nacht mit ihnen und schon drei Jahrtausende: Was sind die Aussenstehenden für diese Gruppe? Haustiere, Objekte der Ausbeutung oder des Neides? Mit ihrem Gott können sie keine Einheit machen, weil er Gott ist und ihre Gruppe aus Menschen besteht. Woher kommt die Freude, wenn keine Übereinstimmung mit dem Objekt der Freude da ist? Kluge Antwort: Aus der Verachtung des Seins aus Hochmut, verbunden mit der Angst vor ihm.

Bedeutet Übereinstimmung mit dem eigenen Willen Übereinstimmung mit dem Verstand? Oder anders gefragt: Kann ich mit mir selber übereinstimmen, ohne mit dem Sein übereinzustimmen, das heisst, kann ich den inneren Frieden finden, wenn ich die Wahrheit und Realität der anderen Menschen und die Zusammenhänge des Kosmos abwehre?

Insofern ich die Realität und Wahrheit des andern nicht zulassen will, bedeutet das ein Wollen, ein stets kontrolliertes Wach-Bewusstsein, das sich nicht gehenlassen kann – und es bedeutet Unsicherheit, Ungewissheit, stete Abwehrhaltung, also eigentlich Angst. Warum sollte ich das Sein des anderen nicht zulassen? Die – nicht selektive – Wahrnehmung könnte eine Gefahr für mein Selbstwertgefühl bedeuten – also ziehe ich es vor, mein Selbstwertgefühl aus einer Abgrenzung zu beziehen. Allerdings schränke ich auf diese Weise das ein, was ich bin: Ich mache mich zu etwas Absolutem, das heisst, regle meine Zusammenhänge durch Willkür, zum Beispiel eine Wirklichkeit über der Wirklichkeit. Ich schränke mein Erleben der anderen Person ein: Erlebe sie als Objekt, über dem ich stehe, die Wahrnehmung via Willen betont die Distanz und den räumlichen Abstand.

Der Grund davon, sich selber als das Absolute zu betrachten, kann Angst sein: Das sich bedroht fühlen durch das ganze Spektrum des Seins; aber, da es ein Herauslösen von sich selber aus einem Zusammenhang ist, ist es auch Hochmut (eine illusionäre, überhöhte Einschätzung von sich selber). Interessant ist die Frage, inwieweit das Handeln eines Individuums oder einer Gruppe von der Kombination von Angst und Hochmut geleitet ist? Epikur sagt: Wer Furcht verbreitet, ist selbst nicht ohne Furcht.

Die Angst vor den unendlichen Zusammenhängen der Wirklichkeit, die Angst davor, sie zuzulassen – das heisst, in gewisser Weise die Angst vor sich selber – ist nicht eine gewöhnliche Angst, das heisst, ihr Grund ist nicht eine Gefahr für Leib und Leben, Hab und Gut oder die Gesundheit. Jetzt können wir uns die Frage stellen, ob diejenigen, die eine Wirklichkeit über der Wirklichkeit kreiert haben, von Angst oder von Hochmut geleitet waren. Dritte Möglichkeit Machtgier. Diese drei religiös zu sanktionieren, kann als intellektuelle Meisterleistung Satans betrachtet werden, die der Welt eine Richtung gab, die fatal ist.

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