Geist als Macht und Wille – die Religion des Alten Testamentes

Wenn Befriedigung, Freude und Genuss nicht aus der Wahrnehmung des Kosmos und des Menschen kommen, woher sollen sie dann kommen? Aus ihrer Umformung und Macht über sie? Wenn Geist nicht Einsicht in die gegebenen Zusammenhänge des Kosmos bedeutet, sondern nur der Wille zu ihrer Umformung und Macht über sie, befinden wir uns in der Gedankenwelt des Gottes des Alten Testamentes: Es gibt uns folgende Idee des Seins: Ein Subjekt (Gott) steht durch seine Macht einem Objekt (Welt, Mensch, Kosmos) gegenüber. Macht für das höchste religiöse oder geistige Prinzip zu halten, mag für viele Menschen selbstverständlich sein, aber es ist nur die Analogie zu einem beschränkten menschlichen Prinzip und erfasst nicht das Sein, die Wirklichkeit oder die Realität in einem grundlegenden Sinn. Beziehungsweise: Der Mensch erfasst dadurch nicht die unendliche Dimension seiner eigenen Existenz.

Ist das Sein oder die Wirklichkeit etwas, zu dem das Verhältnis des Wollens oder der Macht bestehen kann? Ist das Sein (Wirklichkeit, Realität) etwas, dessen Eigenschaft Wollen und Macht ist? Das Alte Testament vermittelt uns diese Auffassung des Seins – allerdings gehört zu der Auffassung der Wirklichkeit als Wollen und Macht, etwas, auf das sich dieses Wollen und diese Macht bezieht. Es ergibt sich die Frage: Wie kann etwas als das Nonplusultra, das heisst, als nicht verursachtes Sein statuiert werden, das eine Differenz zwischen einem Ist-Zustand und einem Soll-Zustand bedeutet?

Wollen und Macht sind nicht das Sein selber. Durch die Idee, das Sein (Wirklichkeit, Realität) sei erschaffen worden, wird allerdings dieser Eindruck erweckt. Gemäss jüdisch-christlichem Glauben gibt es einerseits die Gottperson, dann noch ihren Willen und ihre Macht und drittens als ihr Produkt – genannt Schöpfung – das, was wir als Wirklichkeit kennen: Materie, Leben, Kosmos, Mensch, Galaxien, Universum. Der Mensch kann keine adäquate Idee des Seins (Wirklichkeit, Realität) haben, wenn er es als Produkt eines Wollens oder von Macht auffasst: Wollen heisst, Wollen von etwas. Macht heisst, Macht über etwas: Wollen oder Macht als die Voraussetzung von Sein (Wirklichkeit, Realität) zu behaupten, macht sich schlecht, da ihre Voraussetzung etwas ist, worauf sie sich richten.

Drei Fragen:

– Wie kann die rein geistige Gottperson identisch sein mit dem Sein, da sie doch Materie entgegengesetzt ist?

– Wie kann etwas Person sein, das heisst, ein wollendes Wesen, wenn es unendliches Bewusstsein und Allmacht ist?

– Wo liegt die personale Freiheit oder anders ausgedrückt, die Fähigkeit zu bejahen und zu verneinen, bei einem Wesen, das unendliches Bewusstsein und Allmacht ist?

Person ist durch Denken, das heisst, Idee, Vorstellung, Bewusstsein. Gibt es die reine Idee, reine Vorstellung oder das reine Bewusstsein? Das heisst, ein Denken, eine Person oder ein Ich, die nur im Geiste bestehen? Die weitere Frage ist: Kann Wollen nur im Geiste bestehen? Die Frage ist deshalb von Bedeutung, weil Person sein oder Ich sein ohne Wollen als kontemplativer Zustand durchaus möglich ist, aber für ein Wesen, das körperlich ist, kein Dauerzustand sein kann – und es kann auch kein Dauerzustand sein für ein Wesen, von dem gesagt wird, es greife durch Willen und Macht in das Leben der Menschen ein (damit ist die Gottperson gemeint).

Zwei mögliche Weltanschauungen:

1) Das Sein (die Wirklichkeit oder Realität) ist aufgespalten in ein geschaffenes und ein nicht geschaffenes: Als das nicht Geschaffene gilt eine Person, die das Unbedingte, nicht Verursachte sei und als das Göttliche verehrt wird.

2) Das Sein, die Wirklichkeit oder die Realität ist unendlicher Zusammenhang, unendliche Möglichkeit und unendliche Vielfalt und der Mensch Teil davon. «Geist», «Materie», «Leben» bilden eine Einheit.

Vergleich der beiden Weltanschauungen:

Vom Unbedingten, nicht Verursachten, nicht Erschaffenen könnte man sagen, es sei das Zusammenhangslose – denn was soll sein Zusammenhang sein? Wie hat man sich die Verbindung zwischen dem Unbedingten, nicht Verursachten, nicht Erschaffenen und dem Bedingten, Verursachten, Erschaffenen vorzustellen? Als uneingeschränktes persönliches Wollen und Macht? Klar müssen wir uns darüber sein, dass Wollen und Macht nicht das Sein selber sind, sondern davon abgegrenzt. Das Sein (die Wirklichkeit oder die Realität) verstanden als unendlicher Zusammenhang, unendliche Möglichkeit und unendliche Vielfalt ist nicht gegen etwas abgegrenzt. Etwas Unbedingtes, nicht Verursachtes, nicht Erschaffenes zu statuieren – das heisst, etwas, das keinen Zusammenhang hat – bedeutet, eine Abgrenzung gegen das Bedingte, Verursachte, nicht Erschaffene. Natürlich ist es möglich, die unendliche Wirklichkeit – unendlicher Zusammenhang, unendliche Möglichkeit und unendliche Vielfalt – als das Unbedingte, nicht Verursachte, nicht Erschaffene zu betrachten, aber dann ist die Welt nicht mehr aufgespalten in das Göttliche und Nicht-Göttliche.

Ein Hinweis zu Spinoza, dem vorgeworfen wird, seine Philosophie sei deterministisch und statisch: Unendliche Wirklichkeit im Sinne von unendlichem Zusammenhang bedeutet, dass es nicht etwas geben kann, das sie nicht ist und dass es nicht etwas geben kann, das von ihr weggenommen werden kann oder das zu ihr hinzukommen kann oder gegen das sie abgegrenzt ist – insofern ist die unendliche Wirklichkeit («Deus sive Natura» bei Spinoza) determiniert und statisch, wenn man so will. Natürlich könnte man sagen, bei jedem Werden oder Vergehen, werde der Wirklichkeit etwas hinzugefügt bzw. weggenommen, betreffe das nun eine Galaxie oder die Menschheit – aber verändert sich dadurch der unendliche Zusammenhang, die unendliche Möglichkeit oder die unendliche Vielfalt?

Gott als Person bezogenes Machtprinzip. Das Setzen einer Person als das Unbedingte, nicht Verursachte, bedeutet eigentlich die Installation einer Machtideologie, ihr Hintergrund dürfte weniger das Streben nach Geist und Wahrheit gewesen sein als das Erreichen politischer Zwecke. Durch das Setzen von Wollen und Macht als Ausgangspunkt und als das Höchste wird eine Person zum Absoluten – durch Aufnehmen, Empfangen, Einsehen, Wahrnehmen, Auf-sich-wirken-lassen hingegen selber zu einem quasi unendlichen Teil des Seins. Der Mensch, der sich als Teil eines unendlichen Zusammenhanges fühlt (Kosmos, Mensch), bildet mit ihm eine Einheit – aber womit bildet der Mensch, der als Zusammenhang eine Person mit unendlichem Willen und unendlicher Macht betrachtet (Gottperson), eine Einheit? Seine Einheit ist zwiespältig: Einerseits wird er, indem er einer absoluten Person gegenübersteht, selber zur absoluten Person, andererseits macht er eine Einheit mit dem Willen der anderen Person, vereinigt sich mit ihr, indem er sich ihrem Willen unterordnet und sieht darin den eigenen Sinn: Das Fühlen und Denken des Seins (Kosmos, Mensch und von sich selber) und die Übereinstimmung mit ihm werden zweitrangig. Mit der Unterordnung unter den Willen einer Machtperson ist zugleich der Grundstein von Gruppenbildung gelegt, die in der Folge politisches Handeln bedeutet (politisches Handeln, das nicht in der Sache gründet, sondern im Willen einer Gottperson, der möglicherweise vorher in sie hineingelegt wurde) – hier wäre ein Blick auf das Judentum als Ursprung dieser Art Religion höchst interessant; gerade, weil es der Wille seines Gottes war, die jüdische Abstammung über die der anderen Menschen zu erheben.

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