Man stelle sich vor, es gäbe nur Juden auf der Welt.Was wäre ihre Religion oder geistiger Inhalt, woraus hätten sie ihr Selbstwertgefühl? Ich frage das, weil sie an einen Gott glauben, der sie über die anderen Menschen gestellt hat: Wenn es auf der Welt nur Juden gäbe, wäre dieser Gott sinnlos. Zentral für das Selbstverständnis eines Juden ist, sich als Angehöriger einer Gruppe (Abstammungsgemeinschaft) zu verstehen – dieses Verständnis wäre nicht mehr möglich, wenn es auf der Welt nur noch Juden gäbe: Ein Jude müsste sich dann einfach als Mensch verstehen – das aber negiert den Kern des Judentums: Es wäre nicht mehr möglich, sich in Abgrenzung zu anderen Menschen zu definieren. Damit ist auch der Grund angesprochen, aus dem die Juden nicht wollen, dass alle ihren Gott teilen. ‘Wir sind diejenigen, die das haben, was ihr nicht habt’ – diese Selbstdefinition oder dieses Selbstverständnis wäre nicht mehr möglich, wenn alle Menschen auf der Welt Juden wären; das Höchste und Wertvollste könnte nicht mehr der Glaube an einen Gott sein, der die eigene Abstammungsgemeinschaft über die anderen Menschen gesetzt hat.
Für mich – und ich denke, für die meisten Menschen oder Nicht-Juden – ist es nicht leicht, sich in diese Mentalität hineinzufühlen: Sich zuerst als Gruppenwesen und dann als Mensch empfinden, indem eine klare, in Fleisch und Blut übergegangene Grenze, zwischen der eigenen Gruppe und den aussenstehenden, anderen Menschen gepflegt wird. Was ist auf diese Weise das Verbindende zwischen der eigenen Gruppe und den anderen Menschen? Geist kann es nicht sein, denn unter Geist oder Religion wird der Glaube an einen Gott verstanden, der die eigene Gruppe über die anderen Menschen gestellt hat. Da das Allerhöchste und Wertvollste – Gott – diesem Volk sagt, es stehe über den anderen Völkern, ist es zwangsläufig, dass es zu den anderen Völkern den Standpunkt der Überlegenheit einnimmt oder anders ausgedrückt, des Exzeptionalismus. Diese Mentalität kann bei den anderen Völkern nur Antipathie hervorrufen – und wenn sie sich mit Machtansprüchen verbindet, ihre Feindschaft.
Welcher Umgang ergibt sich mit den Menschen, die gegenüber der eigenen Abstammung als minderwertig betrachtet werden? Es wird Wert auf Abgrenzung gelegt – im Weiteren sind die Verhältnisse Macht, Herablassung oder Ignorieren möglich. Die Beziehung der Macht über sie würde an das Verhältnis zu Nutztieren erinnern, da diesen Wesen nicht ein Wert und eine Würde zuerkannt wird, die man sich selber zuspricht. Da die Nicht-Juden kein Interesse daran haben, als minderwertige Opfer der Machtansprüche einer Herrenrasse zu fungieren – ausser jenen, die als ihre Unter-Hunde Karriere machen – wird dies zu um so grösseren Problemen führen, je mehr Macht die Juden haben.
Überlegen sein als Lebensinhalt. Das Tolle beim Lebensinhalt der Überlegenheit ist, dass er aus Beschränktheit oder aus Wahnideen bestehen kann bzw. aus Ideen, die keine Übereinstimmung mit den anderen Menschen oder Staaten aufweisen: Die Wahrheit oder die Realität anderer Menschen oder Staaten können ignoriert werden und man fühlt sich trotzdem – mehr oder weniger – grossartig; allerdings wird auf diese Weise eine Grenze zwischen sich oder der eigenen Gruppe und den anderen Menschen aufgerichtet. Führt die Idee einer Gruppe, wertvoller zu sein als die anderen Menschen zum Wunsch nach realer Macht über sie? Oder anders gefragt, hat der Wunsch, Macht über andere Menschen zu haben, die ideologische oder religiöse Voraussetzung, mehr wert zu sein als sie? Jedenfalls kann der religiöse oder ideologische Glaube einer Gruppe, wertvoller zu sein als andere Menschen, ethische Hemmnisse zur Ausübung von Macht über sie oder andere Staaten beseitigen.
Die Mentalität der Überlegenheit oder Machtansprüche sind der Übereinstimmung mit den anderen Menschen entgegengesetzt – und somit auch der Wahrheit, deren Merkmal die Übereinstimmung von Idee und Gegenstand ist.
Grundsätzlich beansprucht eine Gruppe, die sich anderen Menschen oder Staaten überlegen fühlt, das Mass der Dinge zu sein, das heisst, sie betrachtet ihre Vorstellungen von der Welt und die daraus entstehenden Wünsche als das Absolute. Konkret können wir uns fragen: Wie würde die Welt aussehen und was würde mit den Menschen passieren, wenn die Vorstellungen, die Israel von der Welt hat und die daraus entstehenden Wünsche zum Mass aller Dinge würden?