Was ist das Befriedigende daran, zu anderen Menschen oder Staaten das Verhältnis der Macht zu haben? Was ist das Befriedigende daran, sich über andere Menschen zu stellen? Die Befriedigung kann zum Beispiel darin bestehen, unangenehmen Gefühlen auszuweichen, die dann aufkommen könnten, wenn die Realität anderer Menschen oder Staaten respektiert würde.
Um die Wahrnehmung anderer Menschen einzuschränken, wäre es freilich nicht nötig, real über ihnen zu stehen, das heisst, durch Ausübung von Macht über sie – es würde schon reichen, ihre Realität einfach nur mental zu verneinen oder abzuwerten; allerdings wäre das noch kein festgefügter, real strukturierter Lebensinhalt, der den Vorteil haben kann, aus ihm materielle Vorteile zu ziehen.
Freude heisst Übereinstimmung: zum Beispiel bedeutet Freude oder Genuss am Essen einer bestimmten Speise Übereinstimmung mit ihr. Allerdings besteht ein Unterschied, ob die Übereinstimmung aus dem Aufnehmen, Empfangen, Wahrnehmen, Auf-sich-wirken-lassen kommt oder aus dem Willen.
Die Befriedigung daraus, sich anderen Menschen überlegen zu fühlen
Sich anderen Menschen überlegen zu fühlen oder Macht über sie zu haben, ist die perfekte Möglichkeit ihre Wirklichkeit nicht zuzulassen – es hat folgende «Vorteile»:
> Durch die Wahrnehmung der Realität anderer Menschen könnte Neid entstehen, dadurch dass man über sie Macht gewinnt und ihre Realität nicht zulässt, kann der Neid kompensiert werden
> Macht über andere Menschen oder Staaten ergibt Bedeutung und Wichtigkeit – und das ohne deren eigenständige Realität anzuerkennen, das heisst, ohne die Realität überhaupt anzuerkennen.
> Wenn das Spektrum des eigenen Seins über den eigenen Willen oder den Willen der eigenen Gruppe hinaus erweitert würde, könnte Angst die Folge sein – indem die anderen Menschen, Staaten und der Kosmos Objekte der eigenen Überlegenheit oder Macht sind, ist diese Gefahr gebannt.
Der Machtmensch stimmt insofern mit sich selber überein, als er sich als der Überlegene fühlen kann. Seine Vorstellung von sich selber basiert auf Ideen, die ihm Überlegenheit suggerieren. Worin soll auf diese Weise die Übereinstimmung mit dem Sein – den anderen Menschen oder dem Kosmos – bestehen? Zu anderen Menschen oder Staaten ein Verhältnis der Überlegenheit oder Macht aufzubauen – sei es mental oder real – lässt sich kaum ohne Widersprüche, Lügen, Wahnideen oder Falschheit realisieren – das heisst, die Übereinstimmung des Machtmenschen mit sich selber basiert darauf, die Wirklichkeit nicht zuzulassen.
Verlangt die Haltung der Überlegenheit nach realer Macht? Nehmen wir an, es gebe eine Gruppe, die die Idee hat, Gott habe ihre Abstammung über die anderen Menschen gesetzt und sie sei somit jenen überlegen. Verlangt diese Haltung der Überlegenheit nach realer Macht? Das kommt darauf an, mit welchem Charakter diese Wahnidee korrespondiert.
Das Innenleben des Machtmenschen
Das menschliche Denken oder Selbstverständnis kann grundsätzlich zwei Ausgangspunkte haben: Entweder den eigenen Willen beziehungsweise den der eigenen Gruppe oder die Wirklichkeit und ihre unendlichen Zusammenhänge. Der Inhalt im Kopf des Machtmenschen ist nicht die Ausweitung seines eigenen Geistes, sondern andere Menschen oder Staaten als Gegenstand seiner Macht, das heisst, als Objekte, deren eigenständiges Sein er einschränkt.
Die Erfüllung der eigenen Existenz in etwas finden, das die anderen Menschen ausschliesst
Die Erfüllung der eigenen Existenz in etwas finden, das die anderen Menschen ausschliesst, schränkt den eigenen Geist ein – aber es gibt das Gefühl der Überlegenheit oder Macht. Was sollen Geist, das Göttliche oder das Wertvolle bedeuten, wenn nicht alle Menschen zu ihm Zugang haben? Für eine Ideologie, die einen – personalen – Willen annimmt, der die Ursache von allem sei und ihn mit Geist gleichsetzt, ist der Ausgangspunkt nicht die Wirklichkeit und ihre unendlichen Zusammenhänge, sondern ein personaler Wille. Das andere Konzept wäre, eine unendliche Wirklichkeit – unendlicher Zusammenhang, unendliche Möglichkeit, unendliche Vielfalt – als Ausgangspunkt zu setzen und deren Wahrnehmung und Einsehen als Geist.
Die Aufspaltung der Welt ist hauptsächlich dem Umstand geschuldet, dass es Völker und Staaten gibt, die lieber einen Kult der Macht und Unterwerfung praktizieren, als durch ihren Geist mit dem Sein übereinzustimmen. Ich selber betrachte mich bloss als Menschen, der das Anliegen hat, sich nicht von Satan und dergleichen das Leben versauen zu lassen.