Chamfort: „Das Glück ist keine leichte Sache: es ist sehr schwer, es in uns, und unmöglich, es anderswo zu finden.“

Kann ich das Glück in mir selber finden, das heisst, in dem, was ich selber bin, wenn ich meinen Geist einschränke – durch Widersprüche, Illusionen, Lügen, Wahnideen?

Warum sollte ein ausgeweiteter Geist dem Glück förderlicher sein als ein eingeschränkter? Widersprüche, Illusionen, Lügen und Wahnideen können doch sehr viel Glück, Befriedigung, Lust bescheren und das Streben nach Wahrheit mit sehr viel Verdruss verbunden sein. Allerdings bedeutet die Übereinstimmung mit Widersprüchen, Illusionen, Lügen, Wahnideen und selektiver Wahrnehmung, dass das, was im Bewusstsein ist, nur ein eingeschränktes Bild der anderen Menschen und des Kosmos ist – aber immerhin ein Bild, das quasi auf den eigenen Willen zurückgeht: Es steht im Gegensatz zu Aufnehmen, Empfangen, Einsehen, Wahrnehmen, Auf-sich-wirken-lassen, das heisst, das, was im eigenen Geist ist, ist weniger die Realität der anderen Menschen oder des Kosmos, sondern ein willentliches Bild von ihnen.

Zu anderen Menschen das Verhältnis der Macht haben, bedeutet ein Verhältnis des Willens zu ihnen: Die Übereinstimmung mit sich selber – das heisst, Befriedigung, Glück, Lust – stellt sich dann ein, wenn sie mit meinem Willen übereinstimmen: Die Übereinstimmung mit sich selber wird an die Erfüllung des eigenen oder des Willens der Gruppe gebunden, nicht an die Übereinstimmung mit einem sachlichen Gehalt, will sagen, nicht an die Übereinstimmung von Idee und Gegenstand (= Wahrheit).

Macht ist nicht an einen Inhalt gebunden, aber sie gibt einen Inhalt: Die Beschäftigung mit anderen Menschen als deren Ursache man sich fühlen kann.

Die Frage ist: Was bin ich für die anderen Menschen, wenn ich mein Glück in Widersprüchen, Illusionen und Falschheit gefunden habe – denn es handelt sich um eine Abkoppelung von der allen Menschen gemeinsamen Realität. Wer das Glück – Befriedigung, Zufriedenheit – in Widersprüchen, Illusionen und Falschheit gefunden hat, der hat es nicht im Sein, sondern im Nicht-Sein gefunden, in der Macht oder im Schein. Von hier aus können wir einen Blick auf den Ursprung der abendländischen Religion werfen, das heisst, eine Religion, deren Sinn die Abgrenzung gegen andere Menschen ist. Und wenn die Abgrenzung nicht mehr vorhanden ist, ist die Religion aufgehoben. Der Ursprung der abendländischen Religion ist das Judentum.

Kann das Glück in der Aufspaltung von Geist (Psyche, Bewusstsein) und der – materiellen – Realität gefunden werden oder pointierter ausgedrückt: Anstatt im Sein, im Nicht-Sein?

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